Was man über die Diakonie Bayern wissen sollte
Wenn man fragt, was Diakonie macht, könnten wir Zahlen und Zuständigkeiten aufzählen. Von über 100.000 Mitarbeitenden in Bayern, von Ehrenamtlichen, von Einrichtungenin in Städten und auf dem Land.
Doch Diakonie beginnt nicht in Tabellen. Sie beginnt im Alltag: am Küchentisch, in der Beratung, in Unterkünften, in der Pflege. Dort, wo Menschen merken: Ich werde gesehen.
Wir arbeiten mit Menschen, die es gerade schwer haben – mit Alleinerziehenden, die zwischen Job und Kinderbetreuung jonglieren. Mit Seniorinnen, die Angst vor der nächsten Stromrechnung haben. Mit Menschen mit Behinderung, die selbstbestimmt leben wollen. Und ja, wir reden auch mit Ministerien, Kommunen und Kostenträgern. Nächstenliebe braucht manchmal auch das: Sehr viel Geduld. Und sehr viel Papier.
Warum wir das tun? Weil der Wert eines Menschen nicht von Leistung abhängt. Und weil wir an einen Gott glauben, der sich den Schwächeren zuwendet. Diakonie übersetzt das in konkrete Hilfe. In Fachlichkeit. In Strukturen. In professionelle Hilfe.
Haltung. UND Halt Geben.
Darum ist Diakonie mehr als ein sozialer Dienstleister. Gemeinsam mit der Kirche gilt: Wegschauen ist keine Option. Glaube wird sichtbar – in Taten. Nicht nur im Wort, sondern in der Tat. Manchmal leise. Manchmal unbequem. Immer nah am Menschen. In Kirche und in Diakonie.
Haltung. Und Halt geben.
Mit wenigen Worten: Die Diakonie ist die soziale Arbeit der evangelischen Kirche. Sie ist gelebter Glaube, übersetzt in professionelle Hilfe in Nachbarschaft, Pflege, Beratung, Bildung, Begleitung und Interessenvertretung.
Viele Menschen begegnen der Diakonie, ohne es bewusst zu merken: in einer Pflegeeinrichtung, bei der Schwangerenberatung, im Hospiz, bei der Telefonseelsorge, in der Flüchtlingsberatung. Je nach Zählung kommt man auf bis zu 100 Arbeitsbereiche, in denen die Diakonie aktiv ist.
Sie ist Teil der Kirche, und sie ist zugleich Stütze des Sozialstaats: Sie übernimmt Aufgaben, die der Staat zwar leisten könnte, aber aufgrund des sogenannten Subsidiaritätsprinzips an andere abgibt.
Subsidiaritätsprinzip
Ein schweres Wort, aber grundgesetzlich verankert. Gemeint ist: Der Staat greift erst dann ein, wenn andere, kleinere Akteure es nicht können. Nah an den Menschen, regional verankert, fachlich qualifiziert, übernimmt die Diakonie damit staatliche Pflichten.
Gemeinsam mit den anderen fünf Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege (AWO, Bayerisches Rotes Kreuz, Caritas, Paritäter und Zentrale Wohlfahrtsstelle der Juden) ist die Diakonie Bayern damit ein zentraler Anbieter sozialer Dienste in Deutschland bzw. in Bayern und eine der tragenden Säulen des Sozialstaats>
Gleichzeitig bleibt sie erkennbar evangelisch: durch das christliche Menschenbild und eine Haltung, die sich an den Nächsten orientiert und niemanden „ab-schreibt“.
Mund auf, Zähne auseinander
Dazu gehört auch: Mund auf, Zähne auseinander. Genauso wenig wie Kirche nicht unpolitisch sein kann, kann es die Diakonie. Nicht umsonst beschreibt sie sich als „sozialpolitische Akteurin“. Heißt: Als Anwältin für Schwache mischt sich die Diakonie politisch ein.
Das tut sie auch im Sinne der Verantwortung für die Tausenden von Mitarbeitenden. Aber aufgemerkt: Sie will vor allem denen eine Stimme geben, die selbst kaum oder kein Gehör finden. Und das sind immer seltener „nur“ jene Menschen in „besonderen Lebensla-gen“, wie die Expertinnen und Experten das gerne bezeichnen. Immer häufiger sind auch Menschen in der „Mitte der Gesellschaft“ von Phänomenen wie Armut, Ausgrenzung oder Wohnungslosigkeit betroffen. Diakonie in Bayern ist deshalb beides: Hilfe
und Haltung.
Diakonie hat biblische Wurzeln – aus denen sich sehr praktische Konsequenzen ergeben. Der barmherzige Samariter? Spontanes Helfen ebenso wie professionelle Unterstützung gegen Entgelt. Die Mahnworte aus 3. Mose und Amos: Der Einsatz für soziale Gerechtigkeit oder für Menschen mit Migrationshintergrund.
Und alle Theologie und Geschichte zusammengefasst: Wenn jeder Mensch eine gottgeschenkte Würde hat, dann sind Hilfe und Solidarität nicht optional und auch nicht an Bedingungen gebunden. Dann sind sie Auftrag.
Klingt groß – im Alltag ist das oft klein: Ein Gespräch, das für einen Moment die Einsamkeit mildert. Ein Platz in einer Tagespflege, damit ein Leben wieder Rhythmus und Struktur bekommt. Eine Beratung, die Klarheit schafft, weil sich ein Leben verheddert hat.
Nimm Deine Matte und geh!
Für die Diakonie sollen Menschen genau das sein: Menschen. Keine Fälle, keine Statistik. Sondern Personen mit Geschichte, mit Entscheidungen – und mit Ressourcen. Das gehört zur Würde dazu: Menschen sollen nicht zu Hilfeempfänger:innen degradiert werden und am Ende aus dieser Rolle nicht mehr herauskommen. Trendy Stichwort an dieser Stelle: Empowerment. Oder biblisch gesprochen: „Nimm deine Matte und geh.“ Schließlich: In einer perfekten Welt bräuchte es die Diakonie nicht. Aber weil die Welt eben nicht perfekt ist, geht es auch um unangenehme Dinge: Armut, Gewalt, Einsamkeit, Sucht, Überforderung. Was wir uns sparen wollen: Den moralisch erhobenen Zeigefinger. Er hilft weder in der politischen Debatte noch den Menschen. Darum lieber: lösungsorientiert. Damit, wie es im Leitbild der Diakonie Deutschland heißt, „Leben gelingt“.
Über wenig ist wohl mehr geschrieben und intensiver diskutiert worden als über das Verhältnis von Kirche und Diakonie. Und zwar von Anfang an.
Zwei Seiten einer Medaille? Schönes Bild. Nur, dass sich die beiden Seiten nie zu Gesicht bekommen. Diakonie als „ausgestreckter Arm der Kirche in die Gesellschaft“? Und was macht Kirche sonst so? Kirche und Diakonie als Tandem? Gerne, aber wer lenkt vorne und wer tritt hinten?
Beziehungsstatus: Kompliziert
Kurz: Es ist kompliziert. Oder vielleicht auch nicht. Denn selbst wenn Kirche und Diakonie im Alltag oft getrennt wahrgenommen werden: Sie gehören zusammen, untrennbar. Und ohne Zuständigkeitszuschreibung.
Denn ja, auch in diakonischen Einrichtungen wird gebetet, werden Andachten gefeiert, Sorgen vor Gott gebracht. Und Kirchengemeinden helfen. Beispiele gibt es zuhauf, und zwar für beides.
Und so, wie sie zusammengehören, profitieren sie voneinander: Für die Kirche ist Diakonie Glaubwürdigkeit in der Praxis. Wenn Kirche von Nächstenliebe spricht, wird sie dort erkennbar, wo Menschen Unterstützung brauchen und bekommen. Diakonie übersetzt diesen Anspruch also in verlässliche Arbeit.
Fundament: Kirche
Für die Diakonie ist Kirche das Fundament, auf dem sie ruht und der Boden, auf dem sie handelt: Räume, Ehrenamt, Seelsorge, lokale Netzwerke, und ja: auch finanzielle Mittel, die Angebote möglich machen, die sonst niemand trägt oder tragen will. Das gilt besonders für die niedrigschwelligen Angebote: Wenn es noch keinen Antrag gibt, aber eben schon eine Krise. Wenn es nicht „abrechenbar“ ist, aber entscheidend. Wenn Geflüchtete eine Heimat suchen, aber keine Wohnung finden.
Seit mehr als 70 Jahren gibt es die verfasste Diakonie in ihrer heutigen Form: als Diakonisches Werk vor Ort, als Landesverband, wie die Diakonie Bayern einer ist und schließlich – etwas jünger – als Bundesverband, der Diakonie Deutschland.
1848: Die Innere Mission
Tatsächlich aber ist die Diakonie älter: Bereits 1848 entstand, auf Anregung des Hamburger Pfarrers Johann Hinrich Wichern, die „Innere Mission“. Wichern wollte Armut und Verelendung in den Großstädten bekämpfen und gleichzeitig die Menschen für Glaube und Kirche gewinnen – nicht zuletzt in Abgrenzung zur Arbeiterbewegung. In Bayern gilt der fränkische Pfarrer Wilhelm Löhe (1808-1872) als wichtigster Gründervater der Diakonie. Bis heute führen übrigens einige Träger den Begriff „Innere Mission“ in ihrem Namen bzw. ihren Satzungen. Im Zentrum diakonischen Handelns stehen zunächst Kinder und Jugendliche, später auch kranke, alte sowie Menschen mit Behinderung.
Die ersten Einrichtungen
Die erste bayerische Einrichtung entsteht 1824 in Nürnberg. 1854 und 1855 werden in Neuendettelsau und in Augsburg zwei Diakonissen-Mutterhäuser gegründet. Die Diakonissen, die in Gemeinden, Krankenhäusern und Erziehungseinrichtungen arbeiten, prägen in der Folgezeit das diakonische Arbeiten in Bayern für viele Jahrzehnte. Alle diese Aktivitäten sind auf Vereinsebene organisiert, haben also mit der Kirche formaljuristisch zunächst nichts zu tun, auch wenn immer Pfarrer an der Spitze der Vereine stehen.
Vereine & Weimar
In der Weimarer Republik blüht die diakonische Arbeit auch in Bayern, obwohl ihre Funktionäre dem demokratischen Staat skeptisch gegenüberstehen.
NS-Zeit: Dunkle Jahre
Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wird im evangelischen Bayern mit großen Hoffnungen und Erwartungen verknüpft. Die Ernüchterung folgt allerdings schnell. Bald unterstellen sich die Einrichtungen aus Sorge vor Enteignung und „Gleichschaltung“ der bayerischen Landeskirche. In die NS-Krankenmorde, die ab 1941 stattfinden, sind aber auch bayerische Häuser verstrickt.
Neuanfang nach 1945
Um der Not und dem Elend nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu begegnen, gründet die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) 1945 das „Evangelische Hilfswerk“ als Ergänzung zu den bestehenden diakonischen Angeboten – in Bayern gründet sich das „Hilfswerk der Inneren Mission der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern“. 1948 schließlich entsteht aus Hilfswerk und Landesverein der „Landesverband für Innere Mission“, der später seinen Namen ändert und zum „Diakonischen Werk Bayern“ wird.
Aufgrund des stetig wachsenden Wohlstandes und des gesellschaftlichen Wandels in der Bundesrepublik gelingt es der Diakonie in den folgenden Jahrzehnten schließlich, ihr Angebot immer weiter auszubauen – oft mit Hilfe der Kirche.
Streng genommen fängt die Diakonie schon an zu arbeiten, bevor ein Mensch auf die Welt kommt (und hört erst auf, wenn er sie wieder verlässt, aber das ist eine andere Geschichte): Mit Ehe- und Partnerschafts- sowie Schwangerschafts- und Schwangerschaftskonfliktberatung ist die Diakonie nah dran am Leben von Kindern und Jugendlichen. Und gerade in den frühen Jahren oft genug gemeinsam mit Kirche – beispielsweise in Kindergärten oder Horten.
Diakonie begleitet Kinder und Jugendliche aber auch später. Wo das Leben manchmal zu laut, zu eng oder zu kompliziert ist. Weil die Bedingungen so sind, wie sie sind und nicht jeder in der Geborgenheitslotterie das große Los zieht.
Das machen wir in Jugendhilfeeinrichtungen, in Wohngruppen, in heilpädagogischen Tagesstätten, in Beratungsangeboten. Und ja: auch in Schulen, auf Freizeiten, und bei Projekten vor Ort. Aber bitte nicht als Moralpolizei.
Wichtig ist der Ton. Stichwort auch hier: das Menschenbild. Nicht „So musst du leben“, sondern: „Wie können wir Dich so unterstützen, dass Du Dein Leben leben kannst?“
Uncool. Aber wirksam
Manchmal braucht es Schutz. Manchmal Struktur. Manchmal einen Ort, an dem man nicht funktionieren muss. Und manchmal einfach Erwachsene, die zuverlässig sind. Das ist vielleicht uncool. Aber wirksam.
Und wenn Jugendliche dann wieder Luft kriegen, wieder planen können, wieder Vertrauen fassen, dann ist das immer ein Wunder. Aber auch Arbeit.
Die Barriere des Tages? Weder Treppe noch Bordstein. Die Barriere des Tages, ja, des Jahres ist wieder einmal – die Haltung. Die vorgibt, was erreichbar ist und was nicht, die vorgibt, was Menschen mit einer Behinderung „dürfen“ und nicht danach fragen, was sie „können“.
Eine Frage, die die meisten Menschen übrigens plötzlich und unerwartet trifft: Denn mehr als 90 Prozent aller Menschen mit einer Behinderung sind dies durch einen Unfall oder eine Krankheit. „So“ geboren – wie eigentlich? – sind die wenigsten.
Grundausstattung Teilhabe
Diakonie will dabei helfen, dass aus „dürfen“ auch „können“ wird. Mit Assistenz, Beratung, Förderung, Wohnangeboten, Arbeit und Bildung. Nicht als „wir machen das für dich“, sondern: „Wir machen das mit dir.“
Menschen mit Behinderung sollen selbstbestimmt leben können: Entscheiden, wo sie wohnen. Mit wem. Wie sie arbeiten. Was sie lernen. Was sie brauchen. Dieser Ansatz ist übrigens längst ins Europäische Recht eingeflossen – in die Behindertenrechtskonvention. Das Schlagwort hier: Teilhabe.
Dazu gehören auch Frühförderung für Kinder, heilpädagogische Angebote, ambulante Dienste, Wohngruppen, Internate, Begleitung im Alltag. Und ganz oft: übersetzen. Nicht zwischen Sprachen, sondern zwischen Systemen. Zwischen Anträgen und echten Bedürfnissen. Zwischen Theorie und Montagmorgen.
Deswegen: Barrieren sind nicht nur Treppen. Barrieren sind auch Haltungen und Erwartungen. Sätze wie „Das geht halt nicht“. Diakonie ist da gern störend. Weil Würde manchmal auch bedeutet, unbequem zu sein.
Familie kann so schön sein. Und so anstrengend, dass man sich fragt, wer eigentlich die Idee hatte, das alles gleichzeitig laufen zu lassen: Brotdose, Zoom-Meeting, Trotzphase. Das Chaos gibt es gratis on top, gerne auch schon vor dem Frühstück.
Manchmal kann Familie auch einfach zu viel sein. Und sie ist bestimmt nicht immer ein Idyll unter blauem Himmel vor Bergpanorama.
Familien stehen unter Druck: steigende Mieten, fehlende Kitaplätze, lange Wartezeiten bei Therapieangeboten, Vereinbarkeit, die oft nur auf dem Papier existiert. Alleinerziehende – aufgemerkt: Familie lebt in vielen Formen! – tragen ein besonders hohes Armutsrisiko. Und die Betreuung von Kindern trifft mitten ins Berufsleben. Wer da nur an „private Angelegenheit“ denkt, hat die Wirklichkeit nicht verstanden.
Diakonie unterstützt Familien darum in allen Lebenslagen. Wenn das Kind mal wieder „einfach nicht schläft“. Wenn die Nerven blank liegen, weil drei Termine, zwei Jobs und ein kaputter Kühlschrank nicht gleichzeitig zu bewältigen sind. Wenn Geld oder Zeit nicht reichen. Wenn Trennung, Krankheit oder Gewalt ins Leben grätschen und alles durcheinanderwirbeln. Und manchmal auch dann, wenn zwar alles okay aussieht, daheim aber längst nichts mehr okay ist.
Handlungsfähig machen
Zum Werkzeugkasten des Sortierers Diakonie gehören Erziehungsberatung, sozialpädagogische Familienhilfe, Angebote für Alleinerziehende, Frühe Hilfen ab der Schwangerschaft, Kurberatung für erschöpfte Mütter und Väter, Schuldnerberatung, Begleitung in akuten Krisen, Schutzräume bei Gewalt. Dahinter stehen Fachkräfte, die zuhören, aushalten, strukturieren, manchmal auch einfach mit am Küchentisch sitzen und helfen, den nächsten Schritt zu planen und bei der Umsetzung unter die Arme greifen.
Kein Druck!
Im Vordergrund steht immer: nicht belehren, sondern entlasten. Kein Druck, kein moralischer Zeigefinger. Sondern gemeinsam schauen, was jetzt geht. Welche Ressourcen schon da sind. Wenn der Alltag wieder ein Stück funktioniert, wenn ein Antrag gestellt, ein Gespräch geführt, ein Konflikt geklärt ist, dann können Menschen wieder Entscheidungen treffen. Das klingt banal. Ist für viele aber ein Neustart. Oder zumindest die Chance dazu, zur Expertin oder zum Experten in eigener Sache zu werden. Das Ziel: Die Selbstwirksamkeit für die Familie wieder zu erlangen.
In den Kirchengemeinden gibt es die Netzwerke dazu: Elterncafés, offene Treffs, Patenschaften, praktische Hilfe. Kirchengemeinden öffnen Räume, fördern Ehrenamt, durchbrechen Einsamkeit. Und gemeinsam können Kirche und Diakonie öffentlich sagen, was Sache ist: Dass Kinder kein Kostenfaktor sind, sondern ein Geschenk des Himmels sein können. Aber auch, dass Erziehung Arbeit ist und dass Hilfsangebote nicht selbstverständlich vom Himmel fallen.
Die Diakonie ist in Bayern eine große soziale Infrastruktur – und gleichzeitig in vielen Orten das „nächste offene Ohr“. Zahlen gefällig?
Die gibts alle hier.
Alt werden ist nichts für Feiglinge. Gesagt hat das Joachim Fuchsberger, und der sollte es wissen. Er ist immerhin 87 Jahre alt geworden.
Und ja: Älterwerden schenkt Erfahrung und – angeblich – mehr Gelassenheit. Es fordert aber auch heraus: Kräfte lassen nach, der Radius wird kleiner, Abschiede häufen sich. Nicht selten wächst die Einsamkeit. Und dann die sehr praktische Frage: Wer ist da, wenn ich Hilfe brauche?
Und hier kommt die Diakonie ins Spiel: Wir sorgen dafür, dass Menschen auch im Alter nicht „zum Fall“ werden, sondern als Person, mit ihrer Biografie, ihren Beziehungen, ihren Fragen und ihrem Recht auf Selbstbestimmung gesehen werden. In ambulanten Diensten, Tagespflegen und Pflegeheimen geht es neben all dem anderen auch um das Leben, das weitergehen soll: so eigenständig wie möglich, so geschützt wie nötig, so zugewandt wie es gebraucht wird.
Diakonische Altenhilfe verbindet hohe fachliche Standards mit einem klaren Wertekompass, und das in den Spannungen der Gegenwart: Zwischen Fachkräftemangel, steigenden Kosten, Bürokratie und Reformstau. Das ist keine Ausrede, sondern Alltag. Und ein Grund, sich einzumischen: für bessere Rahmenbedingungen, für auskömmliche Finanzierung, für eine Gesellschaft, die Alter nicht als Problemzone behandelt, sondern als gleichwertige Lebensphase.
Dazu gehört auch, dass Kirche im Alltag der Einrichtungen spürbar bleibt: Mit Seelsorge, mit Ritualen und Räumen für Sinnfragen. Nicht aufdringlich, aber verlässlich ansprechbar, wenn Menschen es brauchen. Manchmal ist ein Psalm eben wichtiger als ein Formular. So entscheiden sich Diakonie und Kirche jeden Tag neu dafür, dass älter werden nicht Ausgrenzung bedeutet, sondern Begleitung, mit Respekt, Verlässlichkeit und Würde bis zuletzt.
„Nachbarschaft“ klingt kuschelig. Nach Gartenzwerg und Hecke und Kaffee übern Zaun. Für die Diakonie heißt das: niedrigschwellige Hilfe, wenn alles kippt. Wenn die Krise schon da ist, der Antrag für die Hilfe aber nicht verständlich ist. Wenn der Kühlschrank leer ist, weil es das Konto auch ist. Die Armut sieht nicht immer spektakulär aus. Sie kommt leise, mit steigenden Mieten, mit hohen Energiepreisen. Mit einem Job, der nicht reicht, mit einer Trennung, einer Krankheit.
Diakonie heißt: Perspektive schaffen
Und plötzlich stehen Menschen da und rechnen. Grundsicherung beantragen? Anspruch prüfen? Wohngeld? Kinderzuschlag? Wer sich schon einmal durch diese Anträge gearbeitet hat, weiß: Man braucht Geduld. Und starke Nerven.
Die Diakonie hilft beim Sortieren. Beim Durchatmen. Beim Formulieren von Widersprüchen und beim Verstehen von Bescheiden. Klingt alles furchtbar technisch, ist aber existenziell und nicht selten demütigend. Denn hinter jedem Antrag steht die Frage: Reicht es zum Leben? Und: Wer liest hier eigentlich mit?
Und dann ist da die Wohnung. Oder eben nicht. Wohnraum ist knapp, bezahlbarer Wohnraum erst recht. Wohnungslosigkeit beginnt nicht auf der Parkbank. Sie beginnt mit der Lücke zwischen Einkommen und gestiegenen Kosten. Dann die Mietschulden, die Kündigung, das Raus. Und dann steht man auf der Straße. Und immer häufiger sind das ganze Familien.
Wissen, wo es brennt
Nachbarschaft heißt deshalb auch: hinschauen. Nicht weg. Wer in einem Quartier lebt, weiß meist, wo es brennt. Die alleinerziehende Mutter drei Stockwerke höher. Der ältere Herr im Erdgeschoss, der kaum noch rauskommt. Die Familie, die neu zugezogen ist und niemanden kennt.
Diakonie und Kirche können vernetzen, aktivieren, stärken. Zentral immer wieder: das Ehrenamt. Begegnungscafés, Besuchsdienste, Tafeln, Diakoniekaufhäuser, offene Treffpunkte, Vesperkirchen. Kleine Projekte mit großer Wirkung, bei denen Kirche und Diakonie von ihrem Schatz der Ehrenamtlichen und ihrer Erfahrung profitieren.
Gerade in ländlichen Regionen sind diakonische Angebote oft Teil der sozialen Grundversorgung. Wenn der letzte Supermarkt schließt, bleibt manchmal noch der Dorfladen. Wenn Busverbindungen ausgedünnt werden, bleiben ehrenamtliche Fahrdienste. Wenn staatliche Strukturen an ihre Grenzen stoßen, springen lokale Initiativen ein.
Auftritt Diakonie und Kirche: Sie können hier mehr sein als nur Dienstleister und Begleiter. Sie sind auch eine Stimme. Wenn Armut wächst, wenn das Bürgergeld öffentlich zum Reizwort wird, wenn Wohnungslosigkeit als individuelles Versagen missverstanden wird, können sie sagen: So einfach ist es eben nicht. Strukturelle Probleme brauchen strukturelle Antworten. Und eine Gesellschaft, die Zusammenhalt ernst meint.
Zuwanderung als Megathema? Vielleicht. Aber auch nur ein Teil der Wahrheit. Denn Migration ist kein abstraktes „Thema“. Migration sind Menschen – mit eigenen Geschichten, Lebenswegen und Erfahrungen. Mit Brüchen und manchmal auch mit Traumata, aber auch mit dem Mut, ihre Heimat zu verlassen, in der Hoffnung, anderswo ein besseres Leben zu finden. Und mit einem Alltag, der oft von Formularen und Bürokratie geprägt ist.
Diakonie und Kirche unterstützen Menschen, die neu hier sind oder ihr Leben neu beginnen müssen: beim Ankommen, beim Verstehen und beim Orientieren. Das geschieht in der Flüchtlings- und Migrationsberatung, in lokalen Projekten und bei der Unterstützung auf dem Weg zu Sprache, Bildung, Arbeit und gesundheitlicher Versorgung. Und manchmal bedeutet Hilfe auch einfach, in einem komplexen System nicht allein zu sein.
Dabei ist klar: Hilfe gibt es nicht gegen ein Glaubensbekenntnis. Missionieren gehört nicht zum Auftrag – Haltung jedoch schon. Auch, wenn es darum geht, eindeutig gegen rechtsextreme Positionen einzustehen.
Integration geschieht nicht, wenn man wartet
Aber Integration passiert auch nicht von selbst und schon gar nicht im Wartezimmer. Deshalb setzt die Diakonie genau dort an, wo gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht: in Nachbarschaften, Schulen, Betrieben, Vereinen und Kirchengemeinden. Dass dieses Miteinander funktionieren kann, haben Kirche und Diakonie in den vergangenen zehn Jahren eindrucksvoll gezeigt.
So wird aus einem „die da“ wieder ein „wir“. Und plötzlich wird sichtbar: Hinter dem sogenannten Megathema steht immer ein Mensch.
Mehr als drei Milliarden Euro werden jährlich in den Einrichtungen der Diakonie in Bayern umgesetzt. Eine Riesensumme, aber nicht so erwirtschaftet, wie vielleicht aus der „freien Wirtschaft“ bekannt: Markt, Nachfrage, Pricing, Umsatz, Rücklagen, Gewinn. Denn: Die Diakonie ist gemeinnützig. Dafür gibt es ganze Gesetzeswerke – entscheidend ist hier: Kein Gewinn, und Rücklagen nur, wenn sie ganz schnell wieder investiert werden.
Bei der Finanzierung der Diakonie spielen zu einem kleinen Teil auch Mittel aus Kirchensteuern eine Rolle. Etwa drei Prozent des landeskirchlichen Haushaltes von 971 Millionen Euro kommen diakonischen Aufgaben zugute. Das Gros der diakonischen Haushalte aber stammt aus Mitteln der Kostenträger. Das sind die Sozialversicherungen, also Kranken-, Pflege- und Rentenkassen. Sie finanzieren medizinische und pflegerische Leistungen.
Und schließlich übernimmt auch die öffentliche Hand ihren Teil, da die Diakonie staatliche Aufgaben im Rahmen des Subsidiaritätsprinzips übernimmt. Sozialhilfeträger, der Freistaat Bayern und Arbeitsagenturen beteiligen sich darum an der Finanzierung bestimmter Angebote.
Spenden braucht’s auch
Allerdings: Nicht alle Kosten werden vollständig gedeckt. Die Träger müssen zunehmend Eigenmittel mitbringen, um eigentlich staatliche Aufgaben zu erfüllen. Eigenanteile der Klientinnen und Klienten sind in bestimmten Arbeitsfeldern ebenso unverzichtbar wie Spenden. Sie helfen, Qualität zu sichern und Angebote aufrechtzuerhalten, für die die Mittel der Kostenträger – wenn es sie überhaupt gibt – nicht ausreichen.
Die Diakonie in Bayern ist ein Verband und zugleich ein Netzwerk. Der Landesverband mit Sitz in Nürnberg vertritt seine knapp 1.300 Mitglieder gegenüber Politik, Kirche, Medien und Kostenträgern.
Diese Mitglieder haben alle eines gemeinsam: Es sind keine Menschen, sondern sogenannte juristische Personen. Also regionale diakonische Werke, diakonische Einrichtungen, große Träger und Kirchengemeinden, meist ebenfalls als Verein organisiert.
Und sie haben noch etwas anderes gemeinsam: Sie sind rechtlich eigenständig; das Diakonische Werk Bayern als Landesverband ist ihnen gegenüber also nicht weisungsbefugt. Einzig bei groben Verstößen kann der Verband mit der Satzung winken. Und tatsächlich treffen die Mitglieder des Diakonischen Werkes Bayern alle ihre Entscheidungen eigenständig und verantworten sie auch.
Bayern ist nicht genug
Die regionale Verankerung und die damit verbundene Eigenständigkeit ist übrigens ein Grund, warum die Diakonie schnell und passgenau auf die Bedarfe vor Ort reagieren kann.
Die Diakonie ist auch bundesweit organisiert. An der Spitze steht das Evangelische Werk für Diakonie und Entwicklung (EWDE) mit der Diakonie Deutschland, die Diakonie Katastrophenhilfe und Brot für die Welt. Ihre Mitglieder wiederum sind ebenfalls juristische Personen – die Landesverbände, von denen es neben dem bayerischen weitere sechzehn gibt. Sie sind gegenüber dem Bundesverband ebenso selbständig organisiert wie es die Mitglieder des jeweiligen Landesverbandes sind.
Präsenz in der Fläche
Neben der Geschäftsstelle in Nürnberg ist das Diakonische Werk Bayern in den sogenannten „Bezirksstellen“ präsent, die es in vielen Dekanaten gibt. Sie koordinieren Angebote vor Ort, vernetzen Kirche und Diakonie und vertreten die Interessen der Mitglieder. Deren Palette wiederum reicht von kleinen Diakoniestationen bis zu großen Trägern mit mehreren Tausend Mitarbeitenden.
Armut, heißt es, sei relativ. Mag sein. Solidarität ist es nicht. Und genauso, wie sie nicht an der Landesgrenze endet, hört die Diakonie auch nicht auf, wenn man sie nach ihrem Reisepass fragt. Denn wer von Menschenwürde spricht, kann schlecht sagen: „Gilt nur hier – im Süden nicht.“ Deshalb engagiert sich die evangelische Kirche mit Brot für die Welt und der Diakonie Katastrophenhilfe weltweit.
Brot für die Welt arbeitet dabei langfristig und mit zahlreichen Partnerinnen und Partnern vor Ort: Gegen Hunger und Armut. Für Bildung und faire Lebensbedingungen.
Und hier? Mit Workshops, Vorträgen und regionaler Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit schaffen wir in Bayern Raum für die globalen Themen.
Die Zukunft kann ein Esel sein
In den vergangenen Jahrzehnten haben wir dabei gelernt: Entwicklung ist kein Exportprodukt. Sie wächst da, wo Menschen selbst gestalten können. Und sie beginnt oft mit Kleinigkeiten, wie einem Brunnen vor Ort, einem Kleinkredit oder einfach – einem Esel. Die Diakonie Katastrophenhilfe kommt, wenn es brennt. Wenn Erdbeben Häuser in Staub verwandeln und Überschwemmungen Dörfer verschlucken. Im Ausland, manchmal aber auch im Inland. Nothilfe bedeutet dann: sauberes Wasser, Lebensmittel, medizinische Versorgung, Notunterkünfte. Und danach? Wiederaufbau, Traumabegleitung, Stabilisierung. Unterstützt durch Spendenaufrufe – auch und gerade an Kirchengemeinden und Dekanate.
Die Anliegen Gerechtigkeit, globale Verantwortung, Kampf gegen die Klimakrise und ihre Folgen, gegen wirtschaftliche Ungleichheit teilen Kirche und Diakonie schon immer. Nicht umsonst ist Brot für die Welt eine Aktion der evangelischen Landes- und Freikirchen – die traditionell am 1. Advent in vielen bayerischen Gemeinden feierlich eröffnet wird. Und die dort einen großen Rückhalt hat. Im bundesweiten Vergleich freuen sich Diakonie Bayern und Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern immer wieder darüber, dass der höchste Anteil am Gesamtspendenergebnis aus dem Freistaat kommt.
Diakonische Arbeit wird aus unterschiedlichen Quellen finanziert: Sozialversicherungen (Krankenkassen, Pflegekassen), Leistungsentgelte und Zuschüsse der öffentlichen Hand (Kommunen, Bezirke, Freistaat), Eigenanteile und kirchliche Mittel.
Viele Leistungen sind geregelt. Aber nicht alles, was Menschen brauchen, passt in einen Leistungskatalog. Niedrigschwellige Beratung, Prävention, Vernetzung, Seelsorge, Ehrenamtskoordination oder Projektarbeit fallen sonst schnell hinten runter.
Auch Spenden halten deshalb Angebote stabil, die für den Sozialstaat Gold wert sind: weil sie Krisen früh abfangen und Menschen wieder handlungsfähig machen.
Die Diakonie in Bayern sammelt zweimal im Jahr landesweit für die diakonische Arbeit in Bayern, und das seit Jahrzehnten. Besonders wichtig hier: Die Zusammenarbeit mit den Kirchengemeinden und den Dekanaten, die ihrerseits anteilig von den Spendenerträgen profitieren. Im Jahr 2024 beliefen sich die Spenden für die Frühjahrs- und Herbstsammlung auf mehr als 700.000 Euro.
Hinzu kommen weitere Spendenaktionen wie etwa Brot für die Welt oder anlassbezogene Spendenaufrufe im Katastrophenfall. Und schließlich betreiben auch die Mitglieder der Diakonie Bayern regelmäßig und auf hohem Niveau Fundraising.
