Nürnberg, 28. Oktober 2026. „Wenn Kinder jahrelang in Notunterkünften aufwachsen müssen, läuft etwas grundlegend falsch. Ein sicheres Zuhause ist die Voraussetzung für eine gute Entwicklung, für Bildung und gesellschaftliche Teilhabe. Wir müssen deshalb alles daransetzen, dass Familien ihre Wohnung behalten können. Bei einem unvermeidbaren Wohnungsverlust müssen sie schnell wieder ein dauerhaftes Zuhause finden“, erklärte Diakoniepräsidentin Dr. Sabine Weingärtner anlässlich des Fachtags „Wohnungsnot trifft immer mehr Familien – Perspektiven. Praxis. Politik.“ in Nürnberg. Rund 200 Fachleute aus Diakonie, Politik, Wissenschaft, Kommunen, Wohnungswirtschaft, Verbänden und der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen diskutierten über die Situation von Familien, die von Wohnungslosigkeit bedroht oder bereits betroffen sind. Dabei ging es auch um die notwendigen politischen Konsequenzen.
Wie groß das Problem inzwischen ist, verdeutlichte Annika Maretzki von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Nach der Bundesstatistik entfallen rund 50 Prozent der ordnungsrechtlich untergebrachten wohnungslosen Menschen auf Haushalte mit Kindern. Fast jede dritte untergebrachte Person ist minderjährig. Besonders alarmierend: Mehr als 63.000 Kinder und Jugendliche leben in Deutschland bereits seit mindestens zwei Jahren in ordnungsrechtlicher Unterbringung. Häufig müssen sich Familien ein Zimmer teilen. Privatsphäre und Rückzugsmöglichkeiten fehlen. Auch in Bayern ist die Situation alarmierend: Zum Stichtag 31. Januar 2026 waren 40.565 Menschen wegen Wohnungslosigkeit untergebracht, darunter knapp 10.000 Minderjährige.
Maretzki kritisierte, dass kurzfristig gedachte Notlösungen für viele Familien zum Dauerzustand werden. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V. fordert deshalb, Zwangsräumungen von Familien zu verhindern. Statt einer Unterbringung in Sammelunterkünften müsse ihnen dauerhaft gesicherter eigener Wohnraum ermöglicht werden. Gleichzeitig müsse das Hilfesystem stärker auf Familien ausgerichtet werden. Komplizierte Anträge, wechselnde Zuständigkeiten und die Angst vor dem Jugendamt erschwerten vielen Betroffenen den Zugang zu Unterstützung. Dabei stelle Wohnungslosigkeit allein keine Kindeswohlgefährdung dar.
Professorin Dr. Claudia Daigler von der Hochschule Esslingen machte deutlich, dass die Wohnungsnot von Familien bislang zu wenig öffentliche Aufmerksamkeit erfährt. Auch in den bestehenden Hilfestrukturen werde ihre besondere Situation nicht ausreichend berücksichtigt. Kinder und Jugendliche werden meist deshalb wohnungslos, weil ihre Eltern die Wohnung verlieren. Insbesondere Mütter versuchten häufig, prekäre Wohnsituationen zunächst durch private Lösungen zu bewältigen. Dadurch blieben ihre Notlagen oftmals unsichtbar und notwendige Hilfen erreichten sie erst spät.
Daigler plädierte deshalb für einen stärkeren Schwerpunkt auf Prävention und Wohnungserhalt sowie für niedrigschwellige Angebote. Wohnungsnotfallhilfe und Kinder- und Jugendhilfe müssten enger zusammenarbeiten und ihre Unterstützung aufeinander abstimmen. Eine integrierte kommunale Sozialplanung könne dafür die notwendigen Voraussetzungen schaffen.
Aus Sicht der Diakonie Bayern braucht es verbindliche Kooperationen zwischen Wohnungsnotfallhilfe, Jugendhilfe, Jobcentern, Kommunen und Wohnungswirtschaft. Weingärtner fasste die Forderungen zusammen: „Wir müssen verhindern, dass Kinder ihre entscheidenden Lebensjahre in Notunterkünften verbringen. Dafür brauchen Familien frühzeitige Unterstützung, Hilfen aus einer Hand und vor allem ausreichend bezahlbaren Wohnraum. Die Verantwortung dafür liegt bei Bund, Ländern und Kommunen gleichermaßen. Wer Kinder und Familien schützen will, muss ihnen ein sicheres Zuhause ermöglichen.“
Veranstaltet wurde der Fachtag vom Diakonischen Werk Bayern und dem Fachverband Evangelische Wohnungsnotfallhilfe und Straffälligenhilfe (FEWS). Die Diakonie unterhält mehr als 200 Angebote der Wohnungsnotfallhilfe in Bayern. Eine Übersicht ist auf der Website der Diakonie Bayern zu finden