Nürnberg, 21.4.2026 „Diese Reform droht Pflegebedürftigkeit neu zu definieren – und zwar nach Kassenlage statt nach Bedarf.“ Mit diesen Worten kritisiert Diakonie-Vorständin Sandra Schuhmann die Pläne der Bundesregierung zur Pflegereform. „Wer die Zugangsschwellen anhebt, sorgt nicht für weniger Pflegebedarf, sondern nur dafür, dass weniger Menschen Unterstützung bekommen.“ Kern der geplanten Reform ist Medienberichten zufolge eine Verschärfung der Kriterien für die Einstufung in Pflegegrade. Künftig soll es deutlich schwieriger werden, überhaupt als pflegebedürftig anerkannt zu werden – insbesondere in den unteren Pflegegraden. Dafür müssten stärkere Einschränkungen vorliegen als bisher.
Aus Sicht der Diakonie Bayern ist das ein folgenschwerer Eingriff. „Gerade die niedrigeren Pflegegrade entscheiden darüber, ob Menschen bereits frühzeitig Unterstützung erhalten und sich so eine Zunahme der Pflegebedürftigkeit hinauszögern lässt.“, so Schuhmann. Wer hier die Hürden erhöht, verschiebe Probleme – in die Familien, in Krankenhäuser oder am Ende in deutlich teurere Pflegeverläufe.
Besonders kritisch sieht die Diakonie die sozialen Folgen dieser Verschiebung. „Wenn Menschen später als pflegebedürftig anerkannt werden, müssen sie notwendige Unterstützung länger selbst finanzieren oder verzichten ganz darauf“, sagt Schuhmann. Das treffe vor allem Menschen mit kleinen Renten. „Pflege bleibt damit ein massives Armutsrisiko – aber nicht mehr erst im Heim, sondern schon lange vorher.“
Die Reform treffe damit ausgerechnet diejenigen, die noch vergleichsweise selbstständig leben, aber auf Unterstützung angewiesen sind. „Das sind ältere Menschen mit beginnender Demenz, Menschen mit chronischen Erkrankungen oder mit eingeschränkter Alltagskompetenz. Wenn sie durchs Raster fallen, verlieren sie genau die Hilfe, die sie stabil hält“, warnt Schuhmann.
Hinzu kommen weitere Belastungen für Pflegebedürftige in Heimen. So sollen Zuschüsse zur Begrenzung der Eigenanteile langsamer steigen, sodass Betroffene länger höhere Kosten tragen müssen. „Viele Menschen müssen schon heute große Teile ihres Ersparten aufbrauchen, bevor Unterstützung greift. Wenn sich dieser Punkt weiter nach hinten verschiebt, wird Altersarmut systematisch verstärkt – die Kosten tragen die überörtlichen Sozialhilfeträger, und damit wir alle“, so Schuhmann.
Bisher steigt die Entlastung mit der Dauer des Heimaufenthalts schrittweise an, sodass der Eigenanteil mit der Zeit spürbar sinkt. Künftig soll dieser Mechanismus ausgebremst werden. „Das bedeutet im Klartext: Menschen müssen länger hohe Eigenanteile zahlen, bevor überhaupt eine nennenswerte Entlastung greift“, so Schuhmann. Gerade für Menschen mit geringen Einkommen verschärfe das den finanziellen Druck erheblich.
Hintergrund der Reformpläne ist die angespannte finanzielle Lage der Pflegeversicherung. Bund und Länder suchen nach Möglichkeiten, Milliardenlücken zu schließen und die Ausgaben zu begrenzen. Dazu gehören neben höheren Beiträgen auch strukturelle Änderungen bei Leistungen und Zugangsvoraussetzungen. Die Diakonie Bayern warnt jedoch davor, die notwendige Reform einseitig über Leistungseinschränkungen zu finanzieren. „Eine stabile Pflegeversicherung braucht nachhaltige Finanzierung – aber nicht auf Kosten der Menschen, die auf sie angewiesen sind“, so Schuhmann.