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Hitze wird zum Versorgungsproblem

Diakonie Bayern fordert Finanzierung für die Klimaanpassung sozialer Einrichtungen

Nürnberg, 27. August 2026. Erschöpfte Mitarbeitende, Bewohnerinnen und Bewohner mit Kreislaufproblemen, Beratungsangebote, die wegen überhitzter Räume ausfallen müssen: Eine aktuelle Befragung der Diakonie Bayern zeigt, dass viele soziale Einrichtungen weder baulich noch finanziell ausreichend auf längere Hitzeperioden vorbereitet sind. Jetzt fordert Bayerns zweitgrößter Wohlfahrtsverband politische Konsequenzen. „Hitze ist für soziale Einrichtungen längst kein gelegentliches Sommerproblem mehr. Sie wirkt sich unmittelbar darauf aus, ob Menschen gut gepflegt, betreut und beraten werden können“, sagt Dr. Sabine Weingärtner, Präsidentin der Diakonie Bayern. Die seit dem 30. Juni laufende Umfrage unter Einrichtungen der Diakonie zeige, dass die Folgen der Hitzewellen in sehr unterschiedlichen Arbeitsfeldern zu spüren seien. „Einrichtungen der Altenhilfe leiden ebenso darunter wie die Schreibabyberatung, die ausfallen muss, weil die Räume nicht gekühlt werden können.“

 

Über 80 Prozent der Einrichtungen mit gültiger Antwort gaben an, während der vergangenen Hitzewellen stark oder sehr stark betroffen gewesen zu sein. Besonders deutlich zeigt sich die Belastung bei den Beschäftigten: Über 90 Prozent der Einrichtungen nennen die eigenen Mitarbeitenden als betroffenen Bereich. Berichtet wird vor allem von erhöhter körperlicher Belastung, Erschöpfung und Konzentrationsproblemen. Auch eine erhöhte Fehlerquote wird mit der Hitze in Verbindung gebracht.

 

Auch die Menschen, die von den Einrichtungen begleitet und versorgt werden, leiden unter der Hitze. Knapp 80 Prozent der Einrichtungen berichten von Auswirkungen auf Bewohnerinnen und Bewohner beziehungsweise Klientinnen und Klienten. Knapp 90 Prozent beobachten Erschöpfung oder Kreislaufprobleme.

 

Wie konkret die Belastungen sind, zeigen die Rückmeldungen aus den Einrichtungen. Büros, Gruppenräume und Wohnbereiche heizen sich über mehrere Tage auf. In Beratungsstellen werden Gespräche schwieriger, weil Konzentration und Belastbarkeit sinken. Fenster und Türen können wegen des Datenschutzes nicht immer offenstehen. In Pflege und Betreuung steigt gleichzeitig der Aufwand: Getränke müssen häufiger angeboten, gefährdete Menschen intensiver beobachtet und Tagesabläufe angepasst werden. Ambulante Dienste arbeiten in aufgeheizten Fahrzeugen und Wohnungen. Genannt werden außerdem Schwierigkeiten bei der Lagerung von Medikamenten sowie Einschränkungen bei Hausbesuchen und Fahrdiensten.

 

„Unsere Einrichtungen reagieren, sofern sie die Möglichkeiten dazu haben“, so Weingärtner. Zwar verfügten über 60 Prozent über Sonnenschutz an Fenstern. „Doch bei länger anhaltender Hitze reichen Lüften, Verschattung, Ventilatoren und organisatorische Veränderungen vielfach nicht mehr aus.“ Nur gut ein Fünftel aller teilnehmenden Einrichtungen verfügt über Klimaanlagen oder andere Kühlmöglichkeiten, kühle Rückzugsräume stehen nur in etwa 16 Prozent der Einrichtungen zur Verfügung. Entsprechend groß ist der Handlungsbedarf. Mehr als die Hälfte nennt bauliche Maßnahmen, knapp 60 Prozent eine zusätzliche finanzielle Förderung als notwendige Unterstützung.

 

Zwar seien die Einrichtungen für Gefährdungsbeurteilung, Arbeitsschutz und organisatorische Schutzmaßnahmen verantwortlich. Größere bauliche und technische Investitionen sowie deren laufende Personal-, Energie- und Wartungskosten können sie innerhalb der bestehenden Finanzierungsstrukturen jedoch nicht allein tragen.

 

Weingärtner: „Die Ergebnisse zeigen eindeutig: Klimaanpassung darf nicht länger von den finanziellen Möglichkeiten eines einzelnen Trägers abhängen.“ Die Diakonie erwartet vom Freistaat ein dauerhaftes bayerisches Investitionsprogramm für den baulichen und technischen Hitzeschutz sozialer Einrichtungen. Gefördert werden müssten unter anderem außenliegende Verschattung, sommerlicher Wärmeschutz, Begrünung, kühle Rückzugsräume sowie effiziente Kühltechnik dort, wo passive Maßnahmen nicht ausreichen.

 

Nach Ansicht der Diakoniepräsidentin seien Investitionen in die Klimaanpassung jedoch nur ein erster Schritt: „Mit der Anschaffung einer Klimaanlage oder einer Verschattung ist es nicht getan. Strom, Wartung, zusätzliche Trinkversorgung, veränderte Fahr- und Betreuungsabläufe und vor allem zusätzliche Personalzeit verursachen laufende Kosten.“ Diese müssten auch in Leistungs-, Vergütungs-, Investitionskosten- und Zuwendungsvereinbarungen berücksichtigt werden. Je nach Arbeitsfeld seien hier neben dem Freistaat insbesondere Bezirke, Pflegekassen und Sozialhilfeträger gefragt.

 

Auch der Bund bleibt nach Auffassung der Diakonie in der Verantwortung. Das Bundesprogramm „Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen“ muss dauerhaft für neue Anträge geöffnet und ausreichend ausgestattet werden. Klimaanpassung sozialer Einrichtungen müsse zu einer langfristigen gemeinsamen Aufgabe von Bund, Ländern, Kommunen und Kostenträgern werden. Dazu gehöre auch die Verankerung des Themas „Nachhaltigkeit“ in den Sozialgesetzbüchern. Solange dort nur die Wirtschaftlichkeit sozialer Angebote gefordert werde, hätten die Kostenträger nur eingeschränkte Spielräume bei der Refinanzierung von Maßnahmen zur Klimaanpassung.

 

„Wir brauchen Refinanzierung statt Projektitis“, sagt Weingärtner. „Wir wissen inzwischen ziemlich genau, was gebraucht wird. Jetzt geht es darum, vor der nächsten Hitzeperiode zu handeln. Denn Pflegeheime, Beratungsstellen, Einrichtungen der Behindertenhilfe oder der Kinder- und Jugendhilfe können ihren Auftrag nicht einfach aussetzen, wenn es draußen über Wochen heiß ist.“

 

Die offene Onlinebefragung wurde im Rahmen des Projekts „KADia – Klimaanpassung in der Diakonie Bayern“ initiiert. Das vom Bundesumweltministerium geförderte Projekt unterstützt Mitgliedseinrichtungen dabei, sich auf Hitze, Starkregen und weitere Klimafolgen vorzubereiten. KADia bündelt Erfahrungen aus der Praxis, sensibilisiert für bestehende Risiken und bietet Orientierung, Vernetzung und fachliche Beratung. Die Befragung dient dazu, Belastungen und Unterstützungsbedarfe systematisch zu erfassen und die Beratungs- und Transferangebote an der Praxis auszurichten.

 

Zur Befragung: Die Onlinebefragung der Diakonie Bayern läuft seit dem 30. Juni 2026. Grundlage der vorliegenden Auswertung ist der Datenstand vom 26. August 2026 mit 254 Datensätzen. Je nach Frage liegen 245 bis 247 gültige Antworten vor. Die Befragung ist nicht repräsentativ. Bei Fragen mit Mehrfachantworten können sich Prozentwerte auf mehr als 100 Prozent summieren.

Ihr Kontakt

Daniel Wagner Pressesprecher