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EIN SOZIALER DIENST IST MEHR ALS BILLIGE ARBEITSKRAFT

Diakonie Bayern zur Debatte über einen möglichen neuen Zivildienst

Nürnberg, 5. August 2026. „Ein neuer Zivildienst darf weder zum Lückenfüller für den Fachkräftemangel noch zum sozialen Anhängsel der Wehrpflicht werden“, sagt Dr. Sabine Weingärtner, Präsidentin der Diakonie Bayern. Der zweitgrößte Wohlfahrtsverband in Bayern hält eine Beteiligung unter klaren Voraussetzungen grundsätzlich für möglich, warnt aber vor überzogenen Erwartungen.

Die Diakonie Bayern begrüßt zwar, dass auch die Wohlfahrtsverbände frühzeitig in die Überlegungen des Bundes einbezogen worden seien. Denn die Erfahrungen aus dem früheren Zivildienst und aus den heutigen Freiwilligendiensten müssten von Beginn an berücksichtigt werden. „Ein neuer Zivildienst kann Begegnungen ermöglichen, Verantwortungsbewusstsein stärken und jungen Menschen Einblicke in soziale Berufe geben“, so Weingärtner. „Er kann aber keine ausgebildeten Pflegekräfte, Erzieherinnen, Heilerziehungspfleger oder Rettungskräfte ersetzen.“

Die Diakonie warnt allerdings gleichzeitig vor der Erwartung, ein neuer Zivildienst könne kurzfristig eingeführt werden. „Über Jahrzehnte bestanden bei Verbänden und Einrichtungen eingespielte Strukturen für Auswahl, Einsatzplanung, Verwaltung, Anleitung und pädagogische Begleitung der Zivildienstleistenden.“ Diese Strukturen seien nach der Aussetzung des Zivildienstes im Jahr 2011 weitgehend weggefallen. „Wer den Zivildienst wieder einführen will, muss auch die dafür notwendigen Strukturen neu schaffen“, erklärt Weingärtner. „Ein seriöser Aufbau wird mindestens ein Jahr dauern und mit erheblichen Kosten verbunden sein. Alles andere würde zulasten der jungen Menschen, der Einrichtungen und der von ihnen begleiteten Menschen gehen.“

Dabei dürften keine neuen Doppelstrukturen entstehen. Verwaltung, Bildungsarbeit und Begleitung sollten soweit möglich über die bewährten Trägerstrukturen der bestehenden Freiwilligendienste organisiert werden. Auch die Dauer des Dienstes müsse den Anforderungen der Einrichtungen entsprechen. Ein Zivildienst von nur sechs Monaten sei kaum sinnvoll, weil Einarbeitung und Orientierung bereits einen erheblichen Teil dieser Zeit beanspruchten. Aus Sicht der Diakonie brauche es möglichst zehn bis zwölf Monate sowie regelmäßige Bildungstage.

Falsch wäre es nach Auffassung der Diakonie, die Debatte über den Zivildienst mit der Personalnot in Pflege, Gesundheit und sozialen Einrichtungen zu vermischen. Zivildienstleistende könnten hauptamtliche Mitarbeitende bei geeigneten zusätzlichen Tätigkeiten unterstützen. Sie benötigten jedoch selbst eine intensive Einarbeitung, fachliche Anleitung, pädagogische Begleitung und verlässliche Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner. Auch damit seien erhebliche zusätzliche Kosten verbunden, mit denen die Einrichtungen nicht allein gelassen werden dürften. Neben einer angemessenen Vergütung der Zivildienstleistenden müsse der Bund deshalb auch die Kosten für Verwaltung, Schulungen, Anleitung und Begleitung vollständig finanzieren.

„Zivildienstleistende können und dürfen ausgebildete Fachkräfte nicht ersetzen“, betont Weingärtner. Dem Fachkräftemangel müsse stattdessen mit besseren Arbeitsbedingungen, verlässlichen Dienstplänen, einer vollständigen Refinanzierung der Personalkosten und der Anerkennung tariflicher Vergütung begegnet werden.

Eine Gefahr bestehe zudem für die bestehenden Freiwilligendienste. „Mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr und dem Bundesfreiwilligendienst gibt es erprobte Strukturen, die Menschen unabhängig von einer Wehrpflicht gesellschaftliches Engagement ermöglichen.“ Diese dürften durch einen neuen Zivildienst weder finanziell geschwächt noch bei der Vergabe von Plätzen verdrängt werden.

Schließlich dürfe keine Zweiklassengesellschaft zwischen verpflichteten Zivildienstleistenden und freiwillig Engagierten entstehen. Vergütung, Fahrtkosten, Unterkunft, Verpflegung und soziale Absicherung müssten fair ausgestaltet sein. Das gelte besonders mit Blick auf die vielen Frauen, die sich im Freiwilligen Sozialen Jahr oder im Bundesfreiwilligendienst engagierten. „Wenn wir über einen neuen Pflichtdienst sprechen, müssen wir auch darüber sprechen, wie freiwilliges Engagement so ausgestattet werden kann, dass es sich alle jungen Menschen leisten können“, fordert Weingärtner. 

„Der Gewinn für die Gesellschaft besteht nicht darin, dass junge Menschen möglichst billig irgendwo eingesetzt werden, sondern darin, dass sie Verantwortung übernehmen, fachlich begleitet werden und eine Perspektive für ihr Leben entwickeln können“, so die Diakoniepräsidentin.

Hintergrund sind Vorbereitungen der Bundesregierung für den Fall, dass die derzeit ausgesetzte Wehrpflicht wieder aktiviert wird. Das Bundesfamilienministerium hatte große Verbände und Organisationen nach möglichen Einsatzstellen für einen Wehrersatzdienst befragt. Eine Wiedereinführung des Zivildienstes ist bislang allerdings nicht beschlossen. Sie käme erst in Betracht, wenn der Bundestag wegen unzureichender Freiwilligenzahlen eine sogenannte Bedarfswehrpflicht aktiviert.

Ihr Kontakt

Daniel Wagner Pressesprecher