Familie, Kinder und JugendlicheSie brauchen vielfältige Unterstützung

Nettoäquivalenzeinkommen:

Möglicherweise schneidet Bayern im Bundesdurchschnitt ganz gut ab, aber was bedeutet dies für die tatsächlichen Verhältnisse in Bayern?

Mögen die Zahlen sich auch gut darstellen und in den vergangenen Jahren, insbesondere im Bundesvergleich, positiv entwickelt haben, so leben doch in dem reichen Bundesland Bayern zu viele Familien unterhalb der Armutsgrenze. Nach den Ergebnissen des Mikrozensus, einer jährlichen Stichprobenerhebung bei 1 Prozent der Bevölkerung, lag im Jahr 2019 die Armutsgefährdungsquote in Bayern bei 11,9 Prozent. Familien mit zwei Erwachsenen und einem bzw. zwei Kindern waren im Jahr 2019 mit Quoten von 6,0 bzw. 6,8 Prozent unterdurchschnittlich armutsgefährdet im Vergleich zu Haushalten mit zwei Erwachsenen ohne Kinder (8,5 Prozent) oder zu Einpersonenhaushalten (22,2 Prozent). Bei Familien mit zwei Erwachsenen und drei oder mehr Kindern konnte eine Armutsgefährdungsquote von 18,5 Prozent berechnet werden.
Für ein reiches Bundesland wie Bayern sind 18,5 Prozent Familien, die unterhalb der Armutsgrenze leben, eine sehr hohe Quote, auch wenn sich die Zahl im Bundesdurchschnitt relativiert.

Armutsgefährdungsquote bei Alleinerziehenden:

Alleinerziehende haben ein überdurchschnittlich hohes Armutsrisiko. Die im Bayerischen Sozialbericht aufgeführten Maßnahmen zur Armutsbekämpfung bei Alleinerziehenden sind bundesweite Unterstützungsmaßnahmen. Es geht aus dem Bericht nicht hervor, welche speziellen Maßnahmen das Familienland Bayern für armutsgefährdete Alleinerziehende anbietet – außer dass sich die „gute bayerische Arbeitsmarktlage bemerkbar“ macht und auch „Alleinerziehende im Vergleich zum westdeutschen Durchschnitt in Bayern mehr Nettoäquivalenzeinkommen zur Verfügung“ hatten. Allerdings schützt sie dies nicht vor der Armutsgefährdung.

Finanzielle Entlastung für Familien in Bayern:

Positiv ist hervorzuheben, dass die Bündelung des früheren bayerischen Betreuungsgeldes und Landeserziehungsgeldes zum bayerischen Familiengeld einen sichtbaren positiven Effekt erzielen konnte. Allerdings kann es bis zum 3. Geburtstag eines Kindes einkommensunabhängig bezogen werden. Ab dem 4. Lebensjahr fällt diese Leistung weg. Viele einkommensschwache Familien haben dann ein Problem – es fehlen 250 bis 300 Euro monatlich, bzw. je nach Altersstruktur der Kinder auch mehr.

Krippengeld

kann in Bayern ab dem 1. bis zum 3. Lebensjahr beantragt werden, es ist einkommensabhängig gestaffelt und beträgt 100 Euro im Monat. Allerdings ist die Einkommensermittlung aufwendig und es zählt die „Summe der positiven Einkünfte“, die Leistungen und Einkünfte umfasst. Es werden z. B. Elterngeld, Mutterschaftsgeldleistungen, Arbeitslosengeld I, Krankengeld, Kurzarbeitergeld sowie Übergangsgeld mitangerechnet.

Die Übernahme der Kita-Gebühren für ALG-II-Empfänger:innen ist kommunal geregelt, d. h. betroffene Familien müssen sich beim zuständigen Jugendamt (nicht Jobcenter) erkundigen, ob und in welcher Höhe die Kita-Gebühren übernommen werden. Anträge müssen häufig bei verschiedenen Behörden gestellt werden – in den Familien fehlen allerdings die Informationen über die Anspruchsberechtigung oder welches Amt für welche Leistung zuständig ist.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf:

Der Einsatz für eine familiengerechtere Arbeitswelt ist richtig und muss weiter vorangebracht werden. Neben einer familienbewussten Personalpolitik in Unternehmen und familienfreundlichen Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz steht und fällt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit einer gut ausgebauten Kinderbetreuung. Hier muss der Fachkräftemangel überwunden werden, um die benötigten Betreuungsplätze und die geforderte Flexibilität von Betreuungsplätzen vorhalten zu können.

Ausbau von qualitativen und quantitativen Angeboten zur Bildung und Erziehung sowie Betreuung:

Der Ausbau von Krippen- und Kitaplätzen sowie der Ausbau der Ganztagsplätze an Grundschulen ist in Bayern gut vorangekommen; allerdings fehlt das dafür notwendige Fachpersonal. Der 2019 entwickelte „Fünf-Punkte-Plan für mehr Fachkräfte und höhere Qualität in der Kinderbetreuung“ zeigt gute Ansätze, auch das „Gesamtkonzept zur beruflichen Weiterbildung“ kann ein gutes Instrument zur Fachkräftegewinnung im pädagogischen Bereich werden, allerdings dauert die Entwicklung der Konzepte viel zu lange. Der Fachkräftemangel besteht seit vielen Jahren und spitzt sich immer weiter zu. Die Aufnahme geflüchteter Kinder aus der Ukraine in Kita und Schule verschärft diese Situation.

Auch ist der Mangel an Lehrpersonal seit Jahren bekannt, ohne dass rechtzeitig effektive Maßnahmen und Lösungen ersonnen wurden.

Kinderwunschbehandlungen

werden in Bayern wieder gefördert. Der Zuschuss beträgt bei der 1. bis 3. Behandlung bis zu 800 Euro (IVF) bzw. 900 Euro (ICSI) und bei der 4. Behandlung bis zu 1.600 Euro (IVF) bzw. 1.800 Euro (ICSI). Bund und Freistaat Bayern übernehmen jeweils die Hälfte. (© EB/aerzteblatt.de) Dies entlastet nicht Familien mit Kindern!

Förderprogramme „Jugendsozialarbeit an Schulen – JAS“ und „Arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit“:

Der Ausbau der JAS-Stellen an Schulen muss weiter vorangetrieben werden. Der bisherige Ansatz der Staatsregierung, dieses wichtige Angebot im Rahmen der Schulen auszubauen, ist gut und darf nicht aufgrund von Sparmaßnahmen wieder reduziert werden. Jugendsozialarbeit an Schulen leistet einen großen Unterstützungsbeitrag für in der Pandemie belastete Kinder und Jugendliche, wenn vor Ort, direkt in der Schule, ein Vertrauensverhältnis geschaffen werden kann, innerhalb dessen sich die betroffenen und häufig stark belasteten Kinder und Jugendlichen öffnen können.

Die Förderung der „Arbeitsweltbezogenen Jugendsozialarbeit“ muss auskömmlich und nachhaltig finanziert werden. Bisher müssen die projektbezogenen Angebote ständig neu konzipiert und modifiziert werden, um Gelder beantragen zu können. Der Konkurrenzdruck auf dem Markt macht es kleinen Trägern mit spezifischen, gut angenommenen Angeboten i. d. R. schwer, sich am Markt zu halten. Die Ausschreibungskonditionen fördern den Konkurrenzkampf und begünstigen große private Träger ohne Tarifbindung für fachliches Personal. Unter diesen Modalitäten leidet die Qualität der Angebote für benachteiligte Jugendliche massiv.

Partizipation von Kindern und Jugendlichen stärken:

Auch bei diesem wichtigen Thema zur Demokratieförderung in unserem Land sind die aufgeführten Maßnahmen im Sozialbericht der Bayerischen Staatsregierung zu loben, reichen jedoch bei Weitem nicht aus. Angebote der Elternbildung zu diesem Thema müssten flächendeckende Unterstützung finden, die Arbeit der Familienbildungsstätten müsste auskömmlich und ressourcensichernd finanziert werden.

Eine ständige Projektfinanzierung macht die Durchführung und Verstetigung gut angenommener Angebote im Rahmen der Elternbildung unmöglich. Kitas und Schulen brauchen Ressourcen in Form von Finanzen und Personal, um das Thema „Partizipation und Beteilung“ nicht nur theoretisch in ihren Konzepten festzuschreiben, sondern alltagswirksam in die Praxis umsetzen zu können.

Die Unterstützung der Kommunen bei der Jugendhilfeplanung durch die bayerische Staatsregierung muss weiter ausgebaut werden. Die Umsetzung der SGB-VIII-Reform lässt den Ländern hier einen Spielraum, der dringend genutzt werden sollte, um passgenaue Angebote in den Kommunen zu schaffen und nachhaltig zu installieren.
Dies gilt für alle Bereiche der Jugendhilfe.

 

Als Diakonisches Werk Bayern setzen wir uns im Bereich Familienfragen für familiengerechte und kinderfördernde Rahmenbedingungen in Gesellschaft und Politik ein.
Wir befürworten und unterstützen den Ausbau von Betreuungs- und Bildungsangeboten für Eltern und ihre Kinder.

Wir betreiben mit unseren vielfältigen Angeboten die Unterstützung, Beratung und Betreuung von Familien und ihren Angehörigen in allen Lebenslagen. Außerdem treten wir für die finanzielle Entlastung von Familien ein und helfen mit zielgenauen Entlastungsangeboten, z. B. im Rahmen der Schuldnerberatung oder mit anderen Beratungsangeboten.

Neben der Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist uns die Gleichstellung von Frauen und Männern in allen Lebensbereichen ein wichtiges Anliegen. Wir treten für die Anerkennung aller familialer Lebensgemeinschaften ein und unterstützen die Vielfalt von Familienformen.

=> den Zugang zu den Informationen über das bestehende System der Familienleistungen (monetäre und ergänzende Leistungen) zu erleichtern:

  • niedrigschwellige, nicht behördliche Informationsmöglichkeiten an Orten implementieren, mit denen diese Familien bereits in Kontakt sind (z. B. in Kitas);
  • Informationen kurz und knapp in einfacher Sprache weiterhin als auslegbare Flyer, aber auch digital zur Verfügung stellen;
  • Ausbau des Internets (gleiche Zugangsmöglichkeiten für alle);
  • entsprechende digitale Ausstattung und Befähigung zur Nutzung;
  • Verpflichtung der Leistungsträger zur Zusammenarbeit (Kooperationen und Netzwerke).

=> das Armutsrisiko von Alleinerziehenden und Familien im Niedriglohnsektor deutlicher zu senken und passgenaue Unterstützungsmaßnahmen anzubieten:

  • Anrechnungsfreiheit von finanziellen Familienleistungen, wie beispielsweise Kinder- und Elterngeld auf SGB-II-Leistungen;
  • Entschärfung der Bemessungsgrenze für SGB-II-Leistungen, z. B. durch Einführung eines Stufenmodells;
  • an die Inflationsrate angepasste Erfassung der Regelbedarfe;
  • Ausbau der Teilzeitberufsausbildung;
  • ausreichende Betreuungsangebote mit flexiblen Buchungszeiten ermöglichen;

=> den Ausbau von Bildungs- und  Betreuungsangeboten:

  • Fachkräftemangel im Bereich der frühkindlichen Bildung sowie im Schulbereich entgegenwirken;
  • Weiterbildung und Quereinstiege schneller und gezielter ermöglichen;
  • schnelle und unbürokratischere Anerkennung ausländischer Abschlüsse;
  • Ausbildungen entschlacken und Ausbildungsgehälter im pädagogischen Bereich anpassen.

=> den Ausbau von Unterstützungsangeboten für Kinder und Jugendliche im pädagogischen und therapeutischen Bereich:

  • flächendeckender Ausbau der JAS-Stellen an allen Schulformen;
  • Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen in Pandemiezeiten müssen gesehen und gehört werden (Partizipation und Beteiligung);
  • Kitas, Schulen und Ausbildungseinrichtungen müssen in der Pandemie geöffnet bleiben;
  • mit den bereitgestellten Geldern müssen für alle Klassen der öffentlichen und privaten Schulen Maßnahmen umgesetzt werden, um Präsenzunterricht verantwortlich zu ermöglichen;
  • Weiterführung des guten Kita-Gesetzes;
  • Digitalbonus für Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe und für Schulen;
  • Erweiterung der Kapazitäten von Therapieplätzen im sozial-psychiatrischen Kinder- und Jugendbereich; dringende Anpassung an den tatsächlichen Bedarf.

=> auskömmliche Finanzierung von Familienbildungsstätten, Mehrgenerationenhäusern und Familiener-
holungsstätten:

  • Erhöhung der Einkommensgrenzen bei der Familienerholung, damit mehr Familien in den Genuss der staatlichen Unterstützung kommen;
  • Entschlackung des bürokratischen Aufwands für die Einrichtungen bei der Beantragung von Projektfördergeldern;
  • gesicherte Anschlussfinanzierungen vorhalten, wenn Projekte auslaufen;
  • noch besser: Anstatt einer Projektfinanzierung muss eine nachhaltige finanzielle Ressource zur Verfügung stehen. Dies kann über die Jugendhilfeplanung in den Kommunen (§ 16, SGB VIII) erreicht werden. Den Kommunen muss hier die Möglichkeit gegeben werden, eine nachhaltige Förderung zu etablieren.

 

Der Realitätscheck zum Download: