„Politik muss in die Zukunft investieren.“

Diakonie fordert Ausbau der Beratungsdienste für Flüchtlinge.

Nürnberg, 9 September 2016 Das Urteil der Diakonie Bayern ist eindeutig: Die Politik reagiert zu langsam auf die Entwicklungen der Flüchtlingszahlen in Deutschland. „Sie läuft Gefahr, mitten im Laufen stehen zu bleiben“ sagte der Präsident der Diakonie Bayern, Michael Bammessel, heute in Nürnberg. Zwar werde durch eine starke Aufstockung der Kapazitäten im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nun der riesige Stapel an unerledigten Asylanträgen abgearbeitet. Vor dem nächsten Schritt aber scheue sich die Politik: „Anerkannte Flüchtlinge brauchen Unterstützung, um bei uns zurechtzukommen, Wohnung, Ausbildung und Arbeit zu finden und zu lernen, wie man in unserer komplizierten Gesellschaft auf eigenen Füßen steht.“

Die Diakonie bietet für diese Fälle die Migrationsberatung für Erwachsene (MBE) sowie die Jugendmigrationsberatung (JMD) an. Bis zu 600 Personen werden von einem Mitarbeitenden beraten – ein Personalschlüssel, bei dem nach Ansicht der Diakonie-Verantwortlichen keine Beratung in angemessener Qualität mehr möglich ist. „Wir bräuchten einen Schlüssel von 1:150 – davon sind wir weit entfernt“, so der verantwortliche Fachvorstand der Diakonie, Dr. Tobias Mähner.

Der Wohlfahrtsverband fordert darum nun von der Bundesregierung, die Mittel im Bundeshaushalt 2017 von zunächst 44,7 auf 61,9 Millionen Euro, also um 17 Millionen, aufzustocken. „Mit dem Eigenanteil der Diakonie, der sich auf bis zu 35 Prozent beläuft, wären es dann möglich, einen Schlüssel von 1:250 zu erreichen.“ Dies wäre immerhin ein erster Schritt. Langfristig müssten die Mittel sogar mehr als verdoppelt werden – auf 112 Millionen alleine für die Migrationserstberatung.

Dass die Beratung erfolgreich sei, steht nach Ansicht der Diakonie außer Frage. Mähner: „Von den Beratenen selbst geben 88 Prozent an, dass sich ihre Lage durch die Beratung deutlich verbessert habe. Gleichzeitig ist der Anteil der Ratsuchenden, die zu Beginn der Beratung ALG-II-Leistungen bezogen haben, von knapp 50 Prozent auf etwas über 30 Prozent gesunken.“

Migrationserstberatung sei also eine Investition in die Zukunft, die sich durchaus rechnet, denn sie verhindert Folgekosten für die öffentlichen Haushalte. Mähner: „Die Zahl der Beratungsfälle in der MBE ist von 2014 auf 2015 um 40.000 Personen gestiegen – auf 205.000.“ Für das Jahr 2017 gehe das BAMF sogar von 240.000 Beratungsfällen aus. „Diese Zahl dürfte deutlich überschritten werden“, so Mähner.

Die Diakonie hält darum eine Aufstockung der Mittel für unausweichlich – eine Forderung, die laut Diakoniepräsident Bammessel völlig unabhängig davon sei, “ob eine Partei für die Zukunft eine stärkere Begrenzung der Zuwanderung fordert oder nicht: Denn den Ausbau der Beratung brauchen wir ja schon allein für die vielen Menschen, die bereits hier leben und anerkannt sind.“

 

 

 

Die Migrationserstberatung (MBE) der Diakonie bietet erwachsenen Migrantinnen und Migranten Information, Beratung und Orientierungshilfen an. Zu den Beratungsthemen gehören:

-       Erwerb der deutschen Sprache / Vermittlung an geeignete Sprachkurse

-       Beratung zu Bildung, Ausbildung, Arbeit

-       Informationen zur Anerkennung ausländischer Zeugnisse und Qualifikationen

-       Vermittlung an Kindertagesstätten

-       Unterstützung in Verwaltungsverfahren

-       Beratung bei der Wohnungssuche

-       Persönliche und familiäre Probleme

Das Beratungsangebot richtet sich an Migrantinnen und Migranten in den ersten drei Jahren des Aufenthalts bzw. nach der Anerkennung als Flüchtlinge sowie an bereits länger hier lebende Zugewanderte in besonders schwierigen Lebenssituationen. Die Migrationsdienste begleiten erwachsene Migrantinnen und Migranten „vor, während und nach“ dem Integrationskurs. Sie sollen Zugewanderte, die älter als 27 Jahre sind bei der sprachlichen, beruflichen und sozialen Integration unterstützen und einen Beitrag dazu leisten, dass die Zugewanderten sich neu orientieren und ihren Alltag selbständig bewältigen können.

Die Jugendmigrationsdienste evangelischer Träger bieten jungen Migrantinnen und Migranten im Alter von 12 - 27 Jahren Information, Beratung und Orientierungshilfen an. Sie unterstützen die jungen Zugewanderten mit einem professionellen Informations- und Beratungsangebot bei der schulischen, beruflichen und sozialen Integration. Gruppen und Bildungsangebote sowie eine intensive Vernetzung mit Schulen, Ausbildungsbetrieben, Integrationskursträgern und Einrichtungen der Jugendhilfe zählen zu den Aufgaben der JMD. 

Ihr Kontakt

Daniel Wagner Pressesprecher