Bahnhofmissionen legen Jahresbilanz 2011 vor.

Die Bahnhofsmissionen sind enorm gefordert: denn die Menschen, die hier Hilfe su-chen, benötigen zunehmend mehr Unterstützung. Die überwiegend ehrenamtlichen Mitarbeitenden halfen 2011 über eine halbe Million Mal. Sie kümmerten sich um Rei-sende, organisierten einen Platz für die Nacht, boten eine erste Notversorgung, hatten ein offenes Ohr für Ratsuchende und vermittelten an Fachstellen weiter.

Rund 235.000 Mal wandten sich Frauen und Männer in Not im vergangenen Jahr an die größtenteils ökumenisch geführten Missionen - etwas weniger als im Vorjahr, allerdings benötigte jede Person meist mehrere Hilfeleistungen gleichzeitig. Das teilte die Arbeitsgemeinschaft der kirchlichen Bahnhofsmissionen in Bayern jetzt mit. Besonders hoch war laut Pressemitteilung der Hilfebedarf in München mit 105.000 Kontakten. Aber auch in Aschaffenburg und Regensburg wuchs die Nachfrage nach dem unbürokratischen und niederschwelligen Hilfeangebot. Und aus Ingolstadt und Kempten wurde ein höherer Bedarf an Reisehilfen gemeldet.

 

Während in der Großstadt-Bahnhofsmission München die Zahl der Hilfesuchenden mit Migrationshintergrund in den vergangenen Jahren schon recht hoch war, stieg sie in den anderen bayerischen Einrichtungen aktuell um rund 50 Prozent. Damit lag ihr Anteil 2011 bei rund 10 Prozent, in der Landeshauptstadt sogar bei drei Viertel aller Gäste.

 

Darunter sind auch zunehmend mehr mittellose Menschen aus den neuen EU-Staaten Osteuropas: die meisten aus Rumänien und Bulgarien, einige aus Polen, Tschechien oder der Slowakei. Sie fragen um Essen, Kleidung, Fahrkarten oder Geld, manche bitten auch um einen Platz für die Nacht. Häufig kommen Männer in kleinen Gruppen, manchmal mit ihren Familien, Frauen und Kindern.

„Die Einwanderer ohne akademische Ausbildung haben schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Häufig sind ungeschützte Arbeitsverhältnisse ohne Vertrag, Tagelohn, Scheinselbständigkeit oder Saisonarbeit die einzigen Verdienstmöglichkeiten. Sie kommen dann zu uns, wenn es mit der Arbeit nicht mehr klappt - ohne Geld und Dach über dem Kopf“, so Gabriele Ochse, Leitung der Evangelischen Bahnhofsmission München. „Die Rückkehr ins Herkunftsland ist oft aus finanziellen oder sozialen Gründen sehr schwierig. Vor allem Roma und andere ethnische Minderheiten werden zudem dort häufig diskriminiert und verfolgt.“

 

Die Betreuung mittelloser Osteuropäer in den Bahnhofsmissionen ist zum Teil extrem aufwändig. Denn angesichts der komplizierten deutschen und EU-Rechtslage sind sozialrechtliche Ansprüche nur schwer zu erkennen und durchzusetzen. Es gibt kaum Hilfeangebote für sie, so dass eine Weitervermittlung an Fachstellen extrem schwierig und häufig unmöglich ist -  ob es nun um medizinische Hilfen oder eine Unterkunft geht. Sind Kinder betroffen, schalten die Bahnhofsmissionen in jedem Fall die Jugendämter ein.

„Dabei kommen wir als Bahnhofsmissionen mit unseren Möglichkeiten an Grenzen“, berichtet Michael Lindner-Jung, Leiter der Bahnhofsmission Würzburg. „Wir können für diese Menschen in kritischen Lebenslagen im Regelfall nur eine erste Notversorgung bieten.“ Eine Herausforderung für Helfer und Hilfesuchende sind außerdem die sprachlichen Barrieren, aber auch kulturelle Verständnisprobleme. Die Bahnhofsmission München setzt daher muttersprachliche kulturelle Mittler ein, andere Bahnhofsmissionen ehrenamtliche Dolmetscher.

Auch für die Mitarbeitenden ist dies manchmal sehr belastend. „An manchen Tagen platzt der Aufenthaltsraum unserer Bahnhofsmission aus allen Nähten. Viele der osteuropäischen Gäste wollen sich einfach mal eine Stunde hier ausruhen. Wir sehen die Not, können aber kaum wirklich helfen“, fasst Monika Voit, langjährige ehrenamtliche Mitarbeiterin der Bahnhofsmission München, ihre Eindrücke zusammen.

Aufgrund der unübersichtlichen Rechtslage und des schwierigen Zugangs zu weitergehenden Hilfen entstehen nicht selten existentielle Notlagen. „Aus humanitären Gründen sollten Menschen ohne oder mit eingeschränkten Rechtsansprüchen Zugang zu sozialer und medizinischer Grundversorgung unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus erhalten“, fordert Michael Frank, Referent für Bahnhofsmissionen beim Diakonischen Werk Bayern. Er weist darauf hin, dass beispielsweise bei besonderen sozialen Notlagen wie Obdachlosigkeit oder Schwangerschaft in jedem Fall Ansprüche auf Sozialhilfe bestehen.

Als erster und häufig auch letzter Anker in der Not sind Bahnhofsmissionen von jeher Seismographen gesellschaftlicher Entwicklungen, wie aktuell der verstärkten Zuwanderung von Menschen und Familien aus Osteuropa. „Die systematische Unterstützung durch Politik und Kostenträger ist dringend notwendig“, so die Forderung der Arbeitsgemeinschaft der kirchlichen Bahnhofsmissionen in Bayern. „Nur so lassen sich niedrigschwellige Hilfen und Dienste für zugewanderte Menschen anbieten.“ Das engere Zusammenrücken der Staaten Europas könne und dürfe sich nicht alleine aus wirtschaftlichen Interessen begründen. Mancherorts konnten mit Unterstützung der Bahnhofsmissionen bereits Notfall-Lösungen gemeinsam mit den Kommunen und anderen Partnern erreicht werden.

Migrationsbewegungen, aber auch die Herausbildung neuer sozialer Notlagen in der Gesellschaft werden in den Bahnhofsmissionen schnell sichtbar. „Wir rechnen damit, dass mittelfristig deutlich mehr Menschen mit Migrationshintergrund bei uns Hilfe suchen. Auf diese neuen Herausforderungen müssen wir uns einstellen - ob es nun um Fremdsprachenkenntnisse, die Zusammensetzung unserer überwiegend ehrenamtlichen Teams, aber auch die Offenheit im Umgang mit anderen Kulturen geht“, so Hedwig Gappa-Langer, Referentin der katholischen Bahnhofsmissionen in Bayern vom IN VIA Landesverband Bayern e.V..

 

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Daniel Wagner Pressesprecher