435.000 Menschen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Öffentlich geförderter Arbeitsmarktes notwendig.

Nürnberg, 8.11.2013 435.000 Menschen sind dauerhaft vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen und leben am Rande der Gesellschaft. Allein über 65.000 davon in Bayern. Die Kinder dieses Personenkreises, insgesamt 300.000 unter 15 Jahren, wachsen in Armut und Perspektivlosigkeit auf. Sie könnten wieder Perspektive finden, wenn diese Personen einen öffentlich geförderten Arbeitsplatz bekommen. Das ist das Ergebnis einer unabhängigen Studie des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik (ibus) der Universität Koblenz, die heute in Nürnberg vorgestellt wurde. Der Evangelische Fachverband für Arbeit und soziale Integration (EFAS) in der Diakonie fordert darum zusammen mit dem Landesverband der Diakonie Bayern die beiden großen Parteien auf, bei den Koalitionsverhandlungen über die neue Bundesregierung, für diese Personen einen öffentlich geförderte Arbeitsplätze zu ermöglichen. Dass dies weitgehend kostenneutral geschehen kann, hat die Diakonie mit ihrem Finanzierungskonzept Passiv-Aktiv-Transfer aufgezeigt.

In fast allen Parteien und der Bundesagentur für Arbeit gibt es ein Bekenntnis zu öffentlich geförderter Beschäftigung für Langzeitarbeitslose, die keine Chance auf Arbeit haben. Bisher war jedoch nicht bekannt, wie viele Personen davon betroffen sind. Die Zahlen schwankten zwischen 50.000 und 1 Million Menschen.  Ebenso  fehlte ein Messkonzept zur genauen Bestimmung dieser Zielgruppe.  Das Institut für Bildungs- und Sozialpolitik der Uni Koblenz hat diese Lücke nun endlich gefüllt.  „Damit übergeben wir der Politik ein Steuerungselement, mit der sie die Zielgruppe genau bestimmen können, die für eine  öffentlich geförderter Beschäftigung in Frage kommt“, sagte Marc Hentschke Vorsitzender des EFAS vor Journalisten bei der Vorstellung der Studie. Der Präsident der Diakonie Bayern, Michael Bammessel, begrüßte die Studie und forderte die Politik auf, nun zu handeln: „Langzeitarbeitslose und ihre Familien müssen endlich neue Aufmerksamkeit bekommen.“ 

Um die  Zielgruppe genau bestimmen zu können, wurden die Daten des „Panels Arbeitsmarkt und soziale Sicherung (PASS)“ ausgewertet. Das PASS ist eine repräsentative Haushaltbefragung von 15.000 Personen in 10.000 Haushalten, die seit 2006 jährlich im Auftrag des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dem Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit, erhoben wird.

Die  offizielle Arbeitslosenstatistik erfasst als Langzeitarbeitslose nur die, die am Stück länger als ein Jahr arbeitslos waren. Die Studie nimmt auch die in Blick, die kurzfristig Arbeit hatten und deshalb nicht als Langzeitarbeitslose gezählt werden, oder die aus anderen Gründen aus der Statistik herausgefallen sind.   So wird das wahre Ausmaß der  Beschäftigungslosigkeit erfasst. „Mit Dauer der Arbeitslosigkeit sinken die Chancen für eine neue Beschäftigung“, sagt Marc Hentschke „Deshalb haben wir uns für eine eigene Definition entschieden.“

Da Personen ohne Beschäftigung und mit Hartz IV-Bezug zudem viele Vermittlungshemmnisse haben, die eine Integration in Arbeit erschweren, legt die Studie zunächst neun zentrale Hemmnisse zugrunde. Dazu gehören u.a. gesundheitliche Einschränkungen oder   fehlender Schul- und Ausbildungsabschluss. Als arbeitsmarktfern definiert die Studie Personen, die in den letzten drei Jahren mehr als 90 Prozent des Beobachtungszeitraums nicht gearbeitet haben, mehr als vier Vermittlungshemmnisse aufweisen und zwischen 26 und 60 Jahren alt sind. Es sind also die Personen, die für öffentlich geförderte Beschäftigung in Frage kommen.

Nach der Studie zählen 435.000 Personen zur Gruppe der arbeitsmarktfernen Menschen. Davon 65.500 in Bayern. „Mit dem neuen Messkonzept ist eine passgenaue Förderung machbar. So kann der vielfach geforderte  Soziale Arbeitsmarkt umgesetzt und die häufig kritisierte Spaltung in der Arbeitsförderung überwunden werden“, so der EFAS Vorsitzende. Mehr als 300.000 Kinder unter 15 Jahren leben in diesen Hartz IV-Familien. Diakoniepräsident Bammessel betonte: „Wir dürfen nicht zulassen, dass sich Arbeitslosigkeit auch noch weitervererbt. Denn die Erfahrungen zeigen, dass Kinder von Langzeitarbeitslosen schwerer Zugang zur Bildung finden und überdurchschnittlich in der Gefahr stehen, selbst zur nächsten Generation der Langzeitarbeitslosen zu gehören.“

Die Studie zeigt außerdem, dass Personen mit einer lang andauernden Zeit ohne Beschäftigung eine große Arbeitsmotivation haben. Diese liegt  sogar über der Arbeitsmotivation der Erwerbstätigen. Allerdings steigt bei den Langzeitarbeitslosen mit zunehmender Dauer ohne Beschäftigung das Gefühl, nicht an der Gesellschaft teilhaben zu können. „Bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin muss eine neue Ausrichtung der Arbeitsförderung vereinbart werden. Es gibt realistische Konzepte, um Langzeitarbeitslosen wieder eine Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen“, so Bammessel.

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Daniel Wagner Pressesprecher