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Symbolbild für die Entwicklungsarbeit der Diakonie in aller Welt

Diakonie International

Nahezu überall auf der Welt, wo Menschen unter Armut und Unterdrückung, unter den Folgen von Katastrophen oder Krieg und Vertreibung leiden, ist die Diakonie präsent, und das mit drei verschiedenen Organisationen:

Brot für die Welt ist eine Aktion der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit und wird getragen von allen evangelischen Landes- und Freikirchen Deutschlands.

Die Diakonie Katastrophenhilfe ist zur Stelle, wenn die Not am größten ist: bei Erdbeben, Überschwemmungen, Dürren oder Epidemien. Sie hilft Menschen, die Opfer von Naturkatastrophen wurden, aber auch von Krieg und Vertreibung. Sie hilft unabhängig von Hautfarbe, Alter, Geschlecht, Religion und Nationalität.

Die Erweiterung der Europäischen Union schließlich hat das Leben in Osteuropa grundlegend verändert. Mit dem Zusammenbruch der politischen Strukturen brachen auch wirtschaftliche Systeme und soziale Sicherungen zusammen.  Aktuelle Herausforderungen verlangen nach neuen, europaweiten Lösungen. Hier ist eine Partnerschaftsarbeit zwischen diakonischen Trägern auf Augenhöhe gefordert.

Diakonie Bayern zeichnet Masterarbeit im Bereich Sozialmanagement der Evangelischen Hochschule Nürnberg (EVHN) aus

Der Gewinner des mit 1.000 Euro dotierten Förderpreises im Bereich Sozialmanagement Ngalula Tumba hat deutsche Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit im Kongo evaluiert und daraus Erfolgsfaktoren für eine gelungene Zusammenarbeit identifiziert.

Wir haben uns mit Herrn Tumba getroffen, um ein wenig mehr über seine ausgezeichnete Masterarbeit zu erfahren.

„Entwicklungsarbeit muss gleichberechtigte Zusammen-Arbeit bedeuten!“

Vielen Dank! Ich bin im Kongo geboren und habe dort Philosophie studiert. Im Anschluss daran erhielt ich ein Stipendium, das mich nach Italien, nach Rom an diePäpstliche Hochschule führte. Als ich mit dem Master fertig war, ging ich zurück in den Kongo und unterrichtete dort. Ich betreute außerdem Ex-Kindersoldaten im Gefängnis. Man muss wissen, dass es im Kongo das fachliche Berufsfeld der Sozialen Arbeit nicht gibt. Meine Arbeit dort weckte in mir den Wunsch, mich in diesem Bereich zu professionalisieren und ein Studium der Sozialen Arbeit zu absolvieren.

Da in Italien das Studium ohne Stipendium sehr teuer gewesen wäre entschied ich mich für eine deutsche Universität. In München an der Katholischen Hochschule hat dies geklappt, so dass ich im Oktober 2014 das Studium antreten konnte. Als im Sommer 2015 viele Geflüchtete in Deutschland ankamen, konnte ich mich dort in der Geflüchtetenarbeit einbringen. Nach meinem Abschluss arbeitete ich dann u.a. bei Refugio München in der Asylsozialberatung.

Da mein großes Ziel immer war, irgendwann zurück in den Kongo zu gehen, um dort die Soziale Arbeit fachlich zu leisten, wurde mir bewusst, dass ich noch das Handwerkszeug aus dem Bereich des Sozialmanagements brauche. Deshalb schaute ich mich zunächst in München um, hätte dort aber zu lange auf den Studienstart warten müssen, weil die Hochschule München nur alle zwei Jahre das Studium anbietet. So kam ich nach Nürnberg an die Evangelische Hochschule.

Als es dann um das Thema der Masterarbeit ging, wusste ich, dass die Arbeit mit meiner Biographie, meiner Herkunft zu tun haben sollte. Über Freunde, die im Kongo bei NGOs in der Entwicklungsarbeit tätig sind, habe ich viel erfahren und wurde deshalb neugierig. So entschied ich mich, deutsche Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit zu evaluieren und daraus Erfolgsfaktoren für eine erfolgreiche nachhaltige Projektarbeit in der Entwicklungszusammenarbeit herauszuarbeiten.

Das waren ganz unterschiedliche Projekte von unterschiedlichen Trägern und Stiftungen: u.a. Caritas, Brot für die Welt, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und die Konrad-Adenauer-Stiftung.

Und nein, ich wurde oft nicht mit offenen Armen empfangen. Der Widerstand bei einigen Organisationen auf Leitungsebene war groß. Ich hatte das Gefühl, sie wollen sich nicht in die Karten schauen lassen. Warum, weiß ich nicht - meine Vermutung: vielleicht hatten sie Vorbehalte gegen mich als gebürtigen Kongolesen, der in Deutschland studiert hat und nun ihre Arbeit bewerten möchte.

Ich habe dann privat mit einigen Mitarbeitenden gesprochen und Themen wie Ausbeutung, Paternalismus und Rassismus begegneten mit immer wieder. Vielleicht wollte man auch nicht, dass dies durch meine Arbeit an die Oberfläche gelangt. Es gibt auch Organisationen, die sehr gut von der Entwicklungszusammenarbeit profitieren, vielleicht wollte man auch dies nicht offenlegen.

Und nicht zu vergessen, es gibt Organisationen, die Arbeitsplätze für ihre Angestellten sichern wollen, indem das Projekt nicht wirklich ein Ende findet. Manche sind auch in korrupte Machenschaften verwickelt.

Zunächst einmal ist hier die Umfeld- und Bedarfsanalyse zu nennen.

Wenn man ein Projekt erfolgreich durchführen möchte, muss man die Leute vor Ort fragen, welche Bedarfe da sind und wie das Umfeld strukturiert ist. Nur wenn man die Menschen vor Ort mitnimmt, kann ein Projekt auch nachhaltig gestaltet werden.

Ein Beispiel, wo das nicht klappt ist zum Beispiel das Projekt zum Schutz der Gorillas im Osten von Kongo. Seit 25 Jahren gibt es dort Krieg. Die Menschen dort kämpfen ums nackte Überleben und sagen, dass es für sie eine Beleidung ist, wenn man sie bittet, dieses Projekt zu unterstützen. Sie können es nicht verstehen, dass den Europäern offenbar die Tiere wichtiger sind, als die Menschen, die dort leben.

Das ist der zweite Erfolgsfaktor. Nachhaltigkeit in der Projektarbeitet hat mehrere Ebenen: es meint soziale Gerechtigkeit, Wirtschaftlichkeit und Ökologische Ausrichtung. Die soziale Gerechtigkeit ist hier von zentraler Bedeutung, damit meine ich zum Beispiel eine gerechte Bezahlung für alle Mitarbeitenden.

Es gibt unzählige Beispiele, dass Mitarbeitende aus dem Ausland wesentlich mehr verdienen als Mitarbeitende die vor Ort aufgewachsen sind und dort leben. Und ich rede hier von immensen Gehaltsunterschieden. Dabei leisten sie oft die meiste Arbeit, da sie die Sprachen beherrschen, die Kultur kennen und die Infrastruktur. Das nenne ich Ausbeutung und das muss aufhören.

Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die Schulung in Interkultureller Kompetenz in der Entwicklungszusammenarbeit. Hier sind oft Rassismus und Diskriminierung in den verschiedenen Formen zu finden. Wir müssen voneinander lernen können und Vorurteile abbauen. Nur so kann Zusammenarbeit erfolgreich stattfinden.

Management ist nicht gleich Management. In Deutschland oder Europa gibt es einen ganz anderen Führungsstil als z.B. im Kongo. Das liegt nicht nur an den unterschiedlichen Kulturen und Sprachen, sondern auch an der Infrastruktur, der politischen und sozialen Situation vor Ort etc. Am erfolgreichsten hat sich in der Entwicklungszusammenarbeit ein agiler Managementstil erwiesen hat, der schnell, proaktiv und flexibel auf Veränderung und komplexe Ereignisse reagieren kann.

Als fünften Erfolgsfaktor Projekte wirkungsorientiert planen und durchführen: Ein Entwicklungsprojekt sollte mit dem Ziel durchgeführt werden, auf Einzelpersonen, Gruppen und Gesellschaften positiv einzuwirken, um langfristige Verbesserungen zu erzielen. Wirkung heißt hier Veränderungen in der Gesellschaft und beim Individuum, wobei die Wirkungen zunächst bei der Zielgruppe entstehen und schließlich auch eine gesellschaftliche Veränderung erzielen.

Und last but not least ist auch das Fördern von Lern- bzw. Innovationsmöglichkeiten ein wichtiger Faktor. Es muss in der Projektarbeit die Möglichkeit geben, etwas Neues entstehen zu lassen. Entwicklungszusammenarbeit sollte auch immer ein Fachkompetenzaustausch sein und mit Weiter- und Fortbildungen begleitet werden.

Lieber Herr Tumba, vielen Dank für das Gespräch!

Und wer mehr wissen will - die Masterarbeit ist bereits im letzten Juli beim Tectum Verlag als Buch unter dem Titel „Erfolgsfaktoren projektbezogener Entwicklungszusammenarbeit – eine beispielhafte Analyse deutscher Projekte in der Demokratischen Republik Kongo“ erschienen.

Ihre Ansprechperson

Titel
Vorständin Gesundheit und Teilhabe
Name
Sandra Schuhmann
Einrichtung
Diakonisches Werk Bayern e.V.
Strasse
Postfach 120320
PLZ
90332 Nürnberg Bayern
Tel.
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