Ein gemeinsames Dach: Die Conferenz für Innere Mission

- karl Buchrucker (1824-1899)
In verschiedenen deutschen Staaten ist es bereits in der Zeit nach 1848 zu Zusammenschlüssen gekommen, die die einzelnen Einrichtungen und Vereine zusammenfassten, ohne aber deren Eigenständigkeit aufzulösen. In Bayern fand die Bildung eines übergeordneten Dachverbandes für die einzelnen Vereine und Einrichtungen der Diakonie und der Inneren Mission jedoch erst sehr spät statt.
Von Seiten des „Centralauschußes für Innere Mission“ in Berlin werden in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts festangestellte Geistliche in die verschiedenen deutschen Länder geschickt, um dort für die Arbeit der Inneren Mission und Diakonie zu werben und diese weiter bekannt zu machen. Einer von ihnen, Pastor Johann Hesekiel, besucht im Jahre 1863 Bayern. Ein Ziel seiner Reise ist es, geeignete Persönlichkeiten zu finden, die den „Centralausschuß“ in Bayern vertreten und gleichzeitig einen Zusammenschluss der verschiedenen bayerischen diakonischen Vereine und Träger in die Wege leiten sollen. Er findet sie in der Person von Karl Buchrucker (1824-1899), der seit 1863 in Nördlingen als Pfarrer arbeitet. In dieser Zeit tritt Buchrucker vor allem mit religionspädagogischen Arbeiten hervor und erarbeitet sich auf diesem Gebiet einen anerkannten Ruf durch zahlreiche Publikationen.
In Nördlingen nimmt sich Buchrucker auch der Arbeit der „Inneren Mission“ an, mit der er bereits in seiner Studienzeit in Erlangen über den dortigen Armenverein in Kontakt gekommen ist. In Nördlingen lernt er auch die Arbeit der Neuendettelsauer Diakonissen kennen, denn dort ist auf Initiative eines Freundes Wilhelm Löhes im Jahre 1859 eine Kinderkrippe eingerichtet worden. Die Betreuung der Kinder haben Diakonissen aus Neuendettelsau übernommen. Auf diese Weise kommt Buchrucker mit der Diakonie Wilhelm Löhes in Kontakt.
Im Frühling des Jahres 1864 stellte sich der Nördlinger Pfarrer für die Vertretungsaufgabe zur Verfügung und wird offizieller Agent des Berliner „Centralausschusses“.
In der Frage der Zusammenführung der einzelnen diakonischen Einrichtungen verhält sich Buchrucker allerdings anfänglich sehr zögerlich. Er will durch ein einseitiges Vorgehen die Kluft zwischen den Kreisen um Wilhelm Löhe in Neuendettelsau und den Anhängern der Wichernsche Inneren Mission, die in Erlangen ihr geistiges Zentrum haben, nicht vergrößern. Spannungen zwischen den beiden Richtungen existieren bereits seit der Wichern-Reise durch Bayern im Jahre 1849.
In den folgenden Monaten gelingt es ihm jedoch, die verschiedenen Gruppierungen zu einem Zusammenschluss in Form einer losen Konferenz zu bewegen. Die „Gesellschaft für innere Mission“, in der sich die Kreise um Löhe formiert hatten, sichert zu, dass sie dem Zusammenschluss befürworten werde, ohne allerdings selbst daran teilzunehmen. In einem Schreiben im Februar 1866 an Johann Hinrich Wichern äußert sich Wilhelm Löhe persönlich über den geplanten Zusammenschluss der Einrichtungen der Inneren Mission. „Alles was Sie wollen und was ohne Herstellung einer organischen Verbindung, welche dem ausgesprochenem Grundgedanken der beiden Gesellschaften für innere Mission und weibliche Diakonie im Sinne der lutherischen Kirche, wie wir dieselben in Bayern nun schon solange haben, widerspricht, geschehen kann, wollen wir gerne tun. Wir wünschen selbst von Herzen, daß ein Sammelpunkt alle möglichen Nachrichten und Werke der Barmherzigkeit entstehe.“ Deutlich gibt Löhe seiner Haltung Ausdruck, dass die einzelnen diakonischen Initiativen eine bessere Informationspolitik beziehungsweise einen Austausch untereinander bedürfen, um die eigene Wirksamkeit der Arbeit zu intensivieren.
Das erste Zusammentreffen findet im Oktober 1866 in Baiersdorf bei Erlangen statt. Buchrucker betont in seiner Eröffnungsansprache, dass es sich bei dieser Konferenz um einen losen Zusammenschluss handeln sollte. So entsteht die „Conferenz für innere Mission“, die Vorstufe des späteren Landesvereins für Innere Mission. In Form einer Wanderkonfernz treffen sich die bayerischen Vertreter der Inneren Mission von jetzt an jährlich, um sich über die verschiedenen aktuellen Fragen auszutauschen und zu beraten. Wie wichtig dieser Informationsaustausch ist, zeigt das Beispiel der Augsburger Diakonissenanstalt. Buchrucker bietet dem Leiter 1873 an, auf der Conferenz für innere Mission die Augsburger Einrichtung vorzustellen. Mit Erschrecken muss er feststellen, dass vielen Teilnehmern die Existenz einer derartigen Einrichtung in Augsburg unbekannt ist...


