Die Erweckungsbewegung

- Karl von Raumer, um 1840
Verschiedene Strömungen prägen die evangelische Kirche zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Entscheidend für die Geschichte der Diakonie ist die Erweckungsbewegung. Männer wie August Hermann Francke (1663 – 1727) oder Philip Jacob Spener (1760 – 1825) wollen die biblische Botschaft wieder zum Leben erwecken, und fordern die Menschen in Deutschland zu einer eindeutigen Entscheidung für ihren Glauben heraus. Das Wort der Predigt soll wieder von allen verstanden werden, und jeder soll seine Entscheidung für Gott treffen. Aus dieser Bewegung kommen jene Frauen und Männer, die sich karitativ betätigen. Zwar hat für sie die religiöse Erneuerung Vorrang vor karitativem Handeln, aber auch durch Wohltätigkeit wird versucht, die Menschen für das Evangelium zurückzugewinnen. Dieses Gedankengut prägt das sozial-karitative Konzept der Erweckungsbewegung. Und noch etwas verändert sich: Die Not der Menschen wird nicht mehr nur als persönliches, von Gott gegebenes Schicksal gesehen, sondern auch auf Gründe wie fehlende Arbeitsmöglichkeiten und mangelnde Lebensperspektiven zurückgeführt.
In der Folge wendet sich die Aufmerksamkeit auch neuen Personengruppen zu: Kindern und Jugendlichen, Waisen oder Menschen mit Behinderung, Kranke, Arme und sozial Schwache. Es ist darum nicht verwunderlich, dass gerade die „Rettungshausbewegung“ – Rettungshäuser nehmen Waisen und Jugendliche ohne familiäre Bindung auf – den Beginn der diakonischen Arbeit markiert. Wegbereiter der Rettungshausbewegung sind Christian Heinrich Zeller (1779-1860), der im badischen Beuggen 1820 ein erstes Rettungshaus gründet, und Johann Daniel Falk (1768-1826), der sich für heimatlose Kinder einsetzt und 1823 den Lutherhof bei Weimar aufbaut.
Ähnlich wie in den anderen deutschen Staaten gehen auch in Bayern die ersten diakonischen Einrichtungen auf die Initiative einzelner Mitglieder der Erweckungsbewegung zurück, deren bayerische Zentren Nürnberg und Erlangen sind. Dort - im evangelischen Kerngebiet Bayerns -, treffen sich erweckte Bürger und Pfarrer zu Missionskränzchen oder Glaubensversammlungen, etwa bei der „Deutschen Christenthumsgesellschaft“ in Nürnberg. In Nürnberg entsteht 1824 auch das erste bayerische Rettungshaus für Knaben. Karl von Raumer (1783-1865), seit 1823 in Nürnberg ansässig, gründet das „Erziehungsinstitut für arme und verwahrloste Knaben“. Raumer, der über seine Anstellung an einem Nürnberger Privatgymnasium mit den erweckten Kreisen in Verbindung gekommen ist, folgt mit der Gründung den Beispielen Zellers und Falks. Wie nah die Verbindung zu Zeller ist, zeigt die Tatsache, dass der erste Hausvater in Nürnberg von der „Freiwilligen Armenlehrer- und Armenkinderanstalt“ in Beuggen gestellt wird. Karl von Raumer erhält 1827 eine Professur für Mineralogie und Naturwissenschaften in Erlangen und setzt dort seine diakonische Arbeit fort.
Hier existiert, ebenfalls seit 1824, eine Erziehungsanstalt für Mädchen, die von dem von Philippine Puchta und Maria Ackermann 1822 ins Leben gerufenen Frauen- und Jungfrauenverein gegründet worden ist. Durch Versteigerungen, Spenden und andere Aktivitäten finanziert der Verein seine Arbeit.
Die Rettungshäuser in Erlangen und Nürnberg sind die ersten Einrichtungen in Bayern, die der evangelischen „Liebesthätigkeit“ im Sinne der späteren „Inneren Mission“ zugeordnet werden können. Davon ausgehend, entwickeln sich weitere diakonische Aktivitäten, wie das 1841 gegründete (paritätische) Rettungshaus in Bayreuth, das vom dortigen Armenpflegschaftsrat und dem Jean-Paul-Verein getragen wird.


