1848: Das Jahr der Revolution

- Theodor Fliedner
Das Revolutionsjahr 1848 scheint verschiedenen kirchlichen Kreisen eine gute Gelegenheit zu sein, die verschiedenen evangelischen Landeskirchen zu einer gemeinsamen evangelischen Kirche in Deutschland zu vereinen – ein Vorhaben, das später freilich scheitert. Im Herbst 1848 wird darum in Wittenberg ein Kirchentag einberufen, der später für die innere Mission in Deutschland von großer Bedeutung werden sollte. Zwar steht ursprünglich das Thema „Liebestätigkeit“ nicht auf der Tagesordnung, doch geling es Johann Hinrich Wichern (1808-1881) aus Hamburg, seine Sache zur Sprache zu bringen.
In Hamburg hatte Wichern die Folgen der gesellschaftlichen Veränderungen erlebt, und als Reaktion darauf das „Rauhe Haus“ gegründet, eine Einrichtung für „verwahrloste Kinder und Jugendliche“, die dort auch die Möglichkeit zur Ausbildung erhielten. In Berlin gründete Wichern einige Jahre später das Johannes-Stift, eine diakonische Einrichtung, die ebenfalls bis heute existiert.
In einer berühmt gewordenen Stegreifrede formuliert Wichern auf dem Kirchentag das Programm der „Inneren Mission in Deutschland“, das er im folgenden Jahr in einer Denkschrift festhielt. Einer der zentralen Sätze lautete „Die Liebe gehört mir wie der Glaube“.
Im Anschluss an den Kirchentag wird der „Centralausschuß für Innere Mission“ gegründet, der erstmals am 11. und 12. November 1848 in Berlin zusammentritt und dessen Statuten im Januar 1849 beraten und beschlossen werden. Er soll zukünftig die Vertretung diakonischer Initiativen und Einrichtungen der Inneren Mission in ganz Deutschland übernehmen, sie vernetzen und ihre Aktivitäten koordinieren.
Eine weitere wegweisende Leistung der Zeit ist Theodor Fliedner (1800-1864) zu verdanken. Seit wirkt er 1822 in Kaiserswerth bei Düsseldorf, einer verarmten Diasporagemeinde. Auf einer Kollektenreise, die ihn über die Niederlande nach England führt, gewinnt er mannigfaltige Eindrücke von der dortigen sozialen Lage. Er lernte auch Elisabeth Fry (1780-1845) kennen, die sich seit 1817 für die weiblichen Strafgefangenen in England einsetzt. Angeregt und beeindruckt von den Erfahrungen seiner Reise, richtet Fliedner 1833 ein Asyl für entlassene weibliche Strafgefangene ein. 1836 eröffnet er ein Krankenhaus und beginnt mit der Ausbildung von „evangelischen Pflegerinnen“. Dies ist die Geburtsstunde der weiblichen Diakonie in Deutschland. Das Fliedner’sche Modell der Diakonissenausbildung findet im deutschen Raum viele Nachahmer und breitet sich rasch durch die Gründung neuer Mutterhäuser aus.


