...der Diakonie zu Armut und Sucht

Die Situation
Armut bedeutet in der Suchtkrankenhilfe mehr als materielle Armut. Suchtkranke kommen aus allen Gesellschaftsschichten, also auch aus ganz normalen Familien! Natürlich sind finanzielle Probleme häufig Thema der Suchtberatung und Selbsthilfe. Hier sind insbesondere Arbeitslose, Rentner, Straffällige, Alleinerziehende, Migranten und kinderreiche Familien betroffen. Die Suchterkrankung bewirkt jedoch weit mehr. Die Abhängigkeit verengt Lebenschancen. Das Suchtmittel wird zum Lebensinhalt. Ein Alkoholiker z. B. wird seinen Tagesablauf um das Trinken herum strukturieren. Aktivitäten, die ihm beim Trinken hindern, werden vernachlässigt. Drogenabhängige oder Spielsüchtige werden straffällig, Abhängige aller Stoffe betrügen sich und andere.
Die Aufgabe
1. Die materielle Armut, der Mangel an Geld ist oftmals Thema in der Suchtberatung und Selbsthilfe. Armut in Kombination mit Suchtphänomenen betrifft in der Hauptsache Arbeitslose, Rentner, Straffällige, Alleinerziehende, Migranten und kinderreiche Familien, die dadurch, dass sie materiell benachteiligt sind, an der Teilhabe am öffentlichen Leben gehindert werden. In der Suchtkrankenhilfe kann die Gruppe der Arbeitslosen und nicht Erwerbstätigen dank der deutschen Suchthilfestatistik 2006 für ambulante Einrichtungen mit Zahlen hinterlegt werden. In allen Klientengruppen zeigt sich ein leichter Anstieg des Arbeitslosenanteils im Vergleich zum Vorjahr (Alkohol 27 %, 2005: 26 %). Eine weitere Differenzierung hinsichtlich Arbeitslosengeld I, Arbeitslosengeld II (Hartz IV) steht im Augenblick nicht zur Verfügung.
Am Anteil der Nichterwerbstätigen ist mit dem Schwerpunkt Alkohol mit 15 % keine Veränderung zum Vorjahr eingetreten. Deutlich wird, dass weitaus mehr Frauen nicht erwerbstätig sind im Vergleich zu Männern. In allen Klientengruppen haben Männer häufiger einen Arbeitsplatz als Frauen (Alkoholklienten 2006: M: 28 %, F: 22 %).
Erfreulich ist, dass der höchste Anteil an Klienten mit einem Arbeitsplatz in der Gruppe der alkoholbezogenen Hauptdiagnosen ist, und zwar mit 52 %, wobei über die Höhe der Einkünfte keine Auskunft gegeben wird.
2. Ein Mangel an Bildung, speziell in der heutigen Zeit, wo lebenslanges Lernen Voraussetzung für berufliches und soziales Weiterkommen ist, trifft einen Menschen mit einer bestehenden Suchterkrankung besonders hart, da Fort- und Weiterbildungsangebote während der Suchterkrankung nicht wahrgenommen werden. Insbesondere die jüngeren Menschen, z. B. Kinder aus suchtkranken Familien, Cannabis-Konsumenten, Jugendliche, die sich am Wochenende "ins Koma saufen", können als besonders gefährdet bezeichnet werden, da der erhöhte Alkohol- und Drogengenuss Bildung verhindert.
3. Die Folgen einer Suchterkrankung zeigen sich auch in der mangelnden Gesundheitsfürsorge. Die körperliche Leistungsfähigkeit lässt nach. Im Laufe der Jahre leiden viele Betroffene unter massiven Entzugssymptomen und zahlreichen Folgekrankheiten. Sie sind also körperlich „arm dran“ und verkürzen ihre Lebenserwartung. Die Folgen der Gesundheitsreform finden hier ihren Niederschlag, z. B. werden notwendige Operationen, Behandlungen aufgrund schlechter Prognosen nicht bewilligt .
Weiterhin werden die Behandlungszeiten in Kliniken verkürzt. Die verkürzten Behandlungszeiten in der Entgiftung bewirken - dadurch, dass die Patienten immer schneller entlassen werden - einen sogenannten Drehtüreffekt, d. h. sie landen immer häufiger auf der Entgiftungsstation. Um weiterhin ihre Behandlung finanziert zu bekommen, erhalten sie immer dramatischere Diagnosen. Dies bewirkt im Verlauf der Suchterkrankung eine Spirale nach unten.
4. Der Mangel an sozialer Teilhabe ist das Ergebnis eines Prozesses, da Abhängige psychisch unter ihren ständigen Misserfolgen leiden. Sie erleben täglich, dass sie ihren Drogen- und Alkoholkonsum nicht mehr kontrollieren können und verheimlichen müssen. Das Fehlen alternativer Verhaltsweisen führt zu einer „Zementierung“ des unerwünschten Zustandes. Alle sozialen Kontakte werden eingeschränkt. Beziehungen – auch innerhalb der Familie – werden dünner, sind belastet und führen zur Verarmung sozialer Kompetenzen.
Die Folgen sind eine Verengung der Wahrnehmung, Selbstregulation und Fremdkontrolle greifen nicht mehr. Endstation der vermehrten Beziehungsbrüche ist letztlich die Einsamkeit.
5. Die Suchterkrankung führt durch eine Vernachlässigung der primären Lebensbereiche oftmals zu prekären Wohnungssituationen. Betroffen sind hier neben dem Abhängigen meistens auch die Angehörigen. Die Suchterkrankung wird in Mietverhältnissen oftmals nicht geduldet, dies führt zu einer Kündigung. Weiterhin kann durch den Verlust eines Arbeitsplatzes die Wohnung nicht mehr bezahlt werden. Hier folgen Umzug und oftmals der soziale Abstieg.
6. Der Abhängige erlebt subjektiv eine hohe Unzufriedenheit mit seiner Situation (Armut). Jedoch verhindern Schuld und Scham eine Veränderung. Das aktive Zugehen auf Personen, die helfen könnten oder das Suchthilfesystem sind dem Erkrankten kaum möglich. Er verharrt in der Situation, dadurch verstärkt sich sein Zustand, der sich im Laufe der Zeit verschlechtert. Das Ergebnis ist Rückzug aus allen sozialen Bezügen und eine Isolation.
Der Weg
Die Suchterkrankung birgt ein hohes Risiko, arm zu werden, Sucht ist ein Armutsrisiko. Der Alkohol, die Droge und/oder bestimmte Verhaltensweisen (Internet, Glücksspiel) geben die Struktur für die Gestaltung des Lebens vor. Das Leben wird insgesamt ärmer, denn der gewünschte, erhoffte, ersehnte Lebenssinn wird unerreichbar.
Die eigenen Potenziale werden nicht ausgeschöpft, die Gestaltungs- und Handlungsmöglichkeiten verringern sich, die Sinnhaftigkeit wird oftmals durch die Perspektivlosigkeit ersetzt.
Daraus folgt, dass der Zugang zur Suchtkrankenhilfe krankheitsmäßig erschwert ist. Das System der Suchtkrankenhilfe soll offen, durchlässig, für Außenstehende transparent, vernetzt, professionell und vielfältig sein.
Die Wirksamkeit der Suchtkrankenhilfe hängt stets wesentlich davon ab, inwieweit die Ratsuchenden fähig sind, das vermittelte Wissen und Verhalten in ihren Alltag nachhaltig umzusetzen. Das setzt persönliche Lebensverhältnisse voraus, die das zulassen. Im Falle von Arbeitslosigkeit und Armut jedoch sind sie oft besonders widerständig. Die vielfältigen materiellen, sozialen und rechtlichen Probleme überfordern viele Erwerbslose und Arme. Der Konsum von Suchtmitteln dient oft gerade dazu, die psychosoziale Lage subjektiv erträglicher zu machen. Daher werden in aller Regel spezifische Maßnahmen und soziale Unterstützung nötig sein, um die Wirkung der Suchthilfe zu erhöhen. Positive Effekte können oft nur dann erzielt werden, wenn ganz konkrete Entlastungen im Alltag spürbar werden (z. B. Betreuung von Kleinkindern, Umschulungs- und Fortbildungs-maßnahmen, Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekte).
Die Diakonische Suchtkrankenhilfe arbeitet an der Kompensation von Defiziten, und versucht gemeinsam mit den Suchtkranken, die Genuss- und Erlebnisfähigkeit zu entwickeln. Sie arbeitet vernetzt, koordiniert professionelle - und ehrenamtliche Arbeit und bildet alle Arten der Hilfe (ambulant, teilstationär, stationär, ehrenamtlich) ab. Die Diakonische Suchtkrankenhilfe setzt sich dafür ein, dass die Gesellschaft, die Probleme der Suchtkranken anerkennt und die Rahmenbedingungen für die Suchtkrankenhilfe nachhaltig verbessert werden. Die Grundlagen des diakonischen Handelns finden sich im alten und neuen Testament und bilden somit die Wertebasis der Arbeit.


